Kostbare Meisterin ihres Fachs

- Wenn sie in Jean Genets "Wänden" auf der Bühne des Münchner Residenztheaters in edel verschlissenem Gewand mit den nackten Füßen in die hochhackigen Feiertagsschuhe schlüpft, wenn sie tanzt mit der Grazie eines Mädchens, wenn sie schimpft wie eine Gossenfurie, wenn sie verführerisch gurrt wie eine Kokotte, wenn sie sich mit List, Lust und Leid durch all den Dreck des Lebens gekämpft hat - ein böses Mutter-Biest mit trauerumrandeter Aura, dann ist Gisela Stein in ihrem Element.

<P>Dann können wir ihr zuschauen, wie sie die ganze farbenüppige Palette ihrer Kunst vor uns auffächert. Dann können wir einen Blick hinein in ihr Innerstes werfen. Und wir bekommen eine Ahnung davon, was es heißt, den Reichtum und die Widersprüchlichkeit eines Menschenlebens zu erfassen, mit den Mitteln der Kunst darzustellen und den Zuschauern nahe zu bringen: Es erfordert die ganze Persönlichkeit, ihre volle emotionale, geistige und körperliche Kraft.</P><P>Das Wunder Gisela Stein: Es besteht darin, dass alles bei dieser Schauspielerin ganz leicht wirkt. Mag sie es sich selbst auch noch so schwer machen. Sie gebietet über sämtliche darstellerischen Raffinessen und ist absolute Herrscherin über das "Handwerk" ihres Berufs. Was Sprache bedeutet und Stimme - bei ihr ist es zu erfahren. Wo es andere in günstigem Fall nur bis zur Gesellin bringen werden, ist sie längst eine der wenigen und kostbaren Meisterinnen ihres Fachs. Sie ist, ganz einfach, die Stein.</P><P>Und gerade das macht's ziemlich kompliziert. Gisela Stein bedauert selbst, dass junge Regisseure offenbar Angst vor ihrer Strenge haben und daher wohl eine Scheu, mit ihr zu arbeiten. Denn sie ist - und das zeichnet sie ja so aus - in ihrem Beruf selbstbewusst und folglich unbequem. Eine leidenschaftliche Kämpferin für ihre Figur.</P><P>Ein Regiekonzept an der Stein vorbei, das geht nicht. Das hat in der Vergangenheit schon manch Regisseur erfahren. Am spektakulärsten einst Alexander Lang, als er mit ihr in beiden Titelrollen das Doppelprojekt "Phaidra" und "Penthesilea" realisierte. Der Streit wurde öffentlich ausgetragen. In "Theater heute" geigte die Stein dem Regisseur ihre hochqualifizierte Meinung. Das war noch an den Münchner Kammerspielen, wohin Dieter Dorn sie einst vom Berliner Schiller-Theater holte. Da hat sie Münchner Theatergeschichte mitgeschrieben: "Klotz am Bein" und "Iphigenie", "Was ihr wollt" und "Torquato Tasso", "Glückliche Tage", "Prinz von Homburg" und "Die Perser", "König Lear" und "Sturm", "Ithaka" und "Hekabe". Selbstverständlich nahm Dorn, als er zum Bayerischen Staatsschauspiel wechselte, seine Protagonistin mit.</P><P>Geradezu Kult geworden sind hier ihre Bibel-Lesungen. Gisela Stein, die Große, ist ein Ensemble-Tier. Sich nie zu schade auch für kleine Rollen. Dazu bereit, mit kurzfristigem Einspringen einen Abend zu retten. Wer das einmal zufällig miterleben durfte, zum Beispiel bei einer "Pancomedia"-Vorstellung im Residenztheater, wurde Zeuge einer seltenen Sternstunde.<BR>An diesem Samstag wird die Stein siebzig. Und ist damit doch immer noch jünger, moderner, zeitgenössischer als viele 30-Jährige.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare