Es kracht auf der Bühne

München - Mit harten Tönen und Kunststückchen ­ vom Luft-Pianospiel bis zu Luftsprüngen ­ versetzte Joe Cocker die Olympiahalle in Raserei.

Früher hätte diese Konstellation beim Konzertveranstalter für schlaflose Nächte gesorgt: Es ist Oktoberfest und Joe Cocker tritt in München auf. Aber die Zeiten, in denen Cocker alkoholisiert über Bühnen torkelte, sind auch schon wieder lange her. Cocker hat sich gegen die Selbstzerstörung und die Karriere als totes Rockidol entschieden, deswegen führt er seit Jahren ein geradezu lächerlich gesundes Leben. So kann er mit 63 Jahren quicklebendig seinem Beruf als Musiker nachgehen. Und nach der Darbietung am Freitag in der fast ausverkauften Olympiahalle ist man sehr froh darum.

Bewundernswert agil entert Cocker die Arena und legt so rasant los, dass dem Auditorium gar keine Zeit bleibt, in Erinnerungen an schöne, alte Zeiten zu schwelgen. Herr Cocker denkt gar nicht daran, eine schmusige Nostalgieshow abzuliefern, sondern präsentiert sich außergewöhnlich rockig. Es kracht ziemlich auf der Bühne, und Cocker hat sichtlich Spaß daran, etwas härtere Töne anzuschlagen. Den Beatles-Klassiker "Come together" beispielsweise interpretiert er mit seiner Band so verwegen und laut, dass einem fast die Ohren abfallen ­ genauso so muss es sein, mit Verlaub. Schließlich ist man ja in einem Rockkonzert, und die erstaunlich vielen Vertreter der MP3-Generation im Publikum können ruhig mal erleben, wie es klingt, wenn eine Band ganz ohne Computerklänge für Stimmung sorgt.

Die Band, das sind übrigens unaufgeregte Könner, die mit beachtlicher Verve ihren Meister antreiben. Insbesondere die Rhythmussektion mit einem hämmernden Schlagzeug und dem ebenso unprätentiösen wie energischen Bassspiel sorgt für den nötigen Groove, der die Halle bald erfasst und für euphorische Stimmung sorgt. Cocker selbst singt, trotz einer hörbaren Erkältung, wie er seit gut 40 Jahren singt, und das ist nichts weniger als ein Wunder. Die Gesangstechnik ist im Grunde ein Verbrechen an den Stimmbändern, und jeder andere Sänger würde damit nach spätestens zwei Liedern verstummen. Joe Cocker zerrt aber ununterbrochen diesen zerbrochenen Klang aus seiner Lunge, der einem unmittelbar unter die Haut geht.

Und bei "With A Little Help From My Friends" schickt er am Ende mühelos jenen markerschütternden Schrei in den Saal, der ihn 1969 in Woodstock über Nacht berühmt machte. Wie er das macht, weiß Gott alleine, aber es ist ja auch egal, solange es funktioniert. Seinen berühmt-berüchtigten Tanzstil hat Cocker übrigens mittlerweile zu einer etwas subtileren Variante des unkontrollierten Luft-Pianospiels verfeinert. Dafür vollführt er ständig fröhliche Luftsprünge, die Hans Rosenthal selig zur Ehre gereicht hätten.

Bei der Zugabe gelingt Cocker das Kunststück, die ohnehin brodelnde Halle mit "Cry Me A River" regelrecht zur Raserei zu treiben. Befriedigt schickt er die Fans dann mit der "Creedence"-Hymne "As Long As I Can See The Light" auf den Heimweg. Wer soviel überstanden und erreicht hat wie Joe Cocker, darf sich ein wenig Pathos leisten. Und wir, die wir ihn gegen den Rat allwissender Rock-Kritiker immer gerne gehört haben, gönnen uns diese Überdosis Sentimentalität auch. Joe Cocker ist schließlich noch da, die Nörgler sind verschwunden oder schwenken anonym in der Menge ihre Feuerzeuge.

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