Kräftige Farben

- Beinahe fünfzig Jahre sind seit Peter Schreiers erstem Auftreten als Evangelist in Bachs Matthäus-Passion vergangen. Am Karfreitag war der Tenor und Dirigent in der Münchner Philharmonie nun zum wahrscheinlich letzten Mal mit diesem Werk zu erleben. Zumindest was den Sänger Peter Schreier betrifft, denn am Dirigentenpult dürfte man ihm auch in Zukunft begegnen.

Anders als Originalklang-Spezialist Ton Koopman, der am Tag zuvor an gleicher Stelle mit dieser Passion gastierte, wählte Schreier insgesamt breitere, oftmals getragene Tempi und malte mit kräftigeren Farben, was besonders in den wuchtigen Doppelchören und dem bewegenden Schlusschor Effekt machte, den die Sänger des Münchener Bach-Chores eindrucksvoll zu gestalten verstanden. Auch Bach-Orchester und Bach-Collegium, die zu beiden Seiten des Podiums postiert waren, hatte Schreier fest im Griff und entlockte vor allem den Holzbläsern auch zarte Zwischentöne.<BR><BR>Die doppelte Belastung als Dirigent und Sänger meisterte er geschickt und ließ sich am Ende dafür vom Publikum feiern. Natürlich, die Stimme des knapp 70-Jährigen hat inzwischen merklich an Kraft und Höhensicherheit eingebüßt, doch verstand es Schreier, dieses Manko durch eine exemplarische Textgestaltung beinahe vergessen zu lassen. 1956 hatte er diese Partie in Bremen zum ersten Mal übernommen, und dass ihn das Werk seitdem durch seine Sängerlaufbahn begleitet, war in jeder Silbe zu spüren.<BR><BR>Von der Diktion Schreiers könnten auch manche seiner Solisten noch lernen. Vor allem Tenor Alexander Yudenkov, der sich hörbar mit seinen Soli abmühte. Für Enttäuschung im Publikum hatte die Absage von Olaf Bär gesorgt, doch war mit Markus Marquardt als Christus ein mehr als adäquater Ersatz aufgeboten, der mit jugendlicher Frische und Stimmkraft zu imponieren verstand. Auch Sopranistin Simone Nold und Egbert Junghanns (Bass) sangen ihre Arien solide. Doch wirkliche Emotionen vermittelten sich allein bei Annette Markert, die die Alt-Arien mit warmer, manchmal leicht flackernder Stimme interpretierte.<BR>

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