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"Boten": Hildegard Schmahl (l-r), Andre Jung, Katja Bürkle, Steven Scharf und Hans Kremer.

Premiere

Ein kräftiges Juhu für Tote und Täter

„Das Gewinnen von Erkenntnis ist nicht die Aufgabe des Boten. Das ist Aufgabe des Empfängers.“ Aug’ in Aug’ mit ihrem Publikum sagt das Hildegard Schmahl im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“.

Damit ist nicht nur formuliert, was die Bühnen-Botin von ihren Zuhörern will, sondern auch was die Autorin-„Botin“ von uns einfordert. Noch nie hat die Schriftstellerin so direkt, ja persönlich zu ihrem Gegenüber im Theaterparkett gesprochen – beispielsweise auch wenn eine ihrer Figuren ganz „privat“ ihr Verhältnis zu Österreich darlegt. Noch nie hat die Literaturnobelpreisträgerin ihre Rolle, ihre Funktion so genau und durchaus schonungslos reflektiert wie in dem aktuellen Stück.

„Rechnitz“ markiert deswegen in ihrem dramatischen Werk eine neue Qualität. Dialoge gibt es nicht. Erzählerische, gedanken-springende, wortakrobatische bis hin zu kalauernden und nachdenkliche Textflächen lässt sie ihre Boten sprechen. Dieses Drama nähert sich den Jelinek’schen Romanen an. Gleichzeitig wird jedoch die Theater-Maschinerie zitiert, schließlich ist der Botenbericht ein altgriechischer Bühnen-Trick. In kompakter Form kann damit ein gewaltiges Informations-Paket an die Handelnden und eben die Zuschauer übergeben werden. Der Bote ist nicht Akteur, nicht Zuhörender, er ist Nachrichtensprecher. Insofern tastet Jelinek in ihren Boten auch die Rolle unserer heutigen Medien ab.

Überhaupt ist das Raffinierte an „Rechnitz“ (die „Würgeengel“-Anspielung auf den Buñuel-Film ist überflüssig), dass es ganz präzise aufs Heute bezogen ist. Die Autorin rollt nicht die qualvollen Ereignisse auf dem burgenländischen Schloss Rechnitz kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee als Historienspiel auf. Sie bietet kein Doku-Drama über die 180 von Nazis hingemetzelten KZ-Häftlinge. Keine Psychostudie zu Gräfin Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, die das miterlebte, vielleicht mitmachte und bis zu ihrem Tod 1989 juristisch unbehelligt – seelisch unbehelligt? – weiterlebte. Elfriede Jelinek zeigt vielmehr, was wir jetzt und hier in Deutschland (sowie Österreich) mit solchen Geschichten aus der gigantischen Schoah-Geschichte machen (sie dankt dabei dem britischen Journalisten David R. L. Litchfield).

Das endlose Geplapper der Boten enthüllt und verhüllt: etwa die todbringenden Floskeln über die Opfer, die selbst schuld waren, die sich doch gar nicht gewehrt haben, denen durch die Erschießung die Gaskammer erspart blieb. Dazwischen bäumt sich Entsetzen auf, das man aber wunderbar leicht kleinreden kann, indem man die eigene Rolle kleinredet. Man ist ja nur Bote, also unbeteiligt, unschuldig. Dazwischen flackert die Erkenntnis auf und das Bekenntnis, dass man als Bote die Realität „umschaffe“ oder verschweige. Auch analytisch klug darf der Bote sein, zum Beispiel wenn es um den „Sündenstolz“ der Deutschen geht.

Der Jelinek-erfahrene Regisseur Jossi Wieler hat all das bühnenwirksam für die Kammerspiele eingerichtet. Das 100 eng beschriebene Seiten dicke Stück wurde auf zwei zuschauerfreundliche Stunden verschlankt (Dramaturgie: Julia Lochte). Und die Schauspieler Hildegard Schmahl, Katja Bürkle, Steven Scharf, André Jung und Hans Kremer sprechen das schwierige, fintenreiche Jelinek-Deutsch mit souveräner Leichtigkeit und Klarheit. Wobei die Herren die Damen übertreffen. Von sonnig doof über intellektuell arrogant, knackig zynisch bis voyeuristisch onanierend – und auch komisch – haben es Jung, Kremer und Scharf drauf.

Die fünf Boten treten heiter und mit Star-Allüre den Fans, uns Zuschauern, zuwinkend auf. Und legen mit einem herzhaften Juhu los. Schließlich befindet man sich in einem holzgetäfelten Jagdschloss – Zwölfender über der Tür. Rote Klappsitze und Kopfhörer geben dem Zimmer zunächst etwas von einem musealen Info-Raum. Aber dann dreht sich die Vertäfelung, und ihre Teile geben die Sicht auf Zielmarkierungen frei. So ist man im Nu auf einem Schießstand. Oder, weiter gedreht, in der Küche (Ausstattung: Anja Rabes).

Auf solch Funktionsvielfalt setzt ebenfalls Wielers Inszenierung. Er verquickt die Figuren der Boten mit denen der Herr-, später der Dienerschaft, vermischt also Berichtende und Täter. Er unterstreicht damit den Zynismus der Mörderbande und der verstockten Rechnitzer: Bis heute wurde verschwiegen, wo die Gräber der Häftlinge sind; zwei Zeugen wurden ermordet. Natürlich ist diese Hyper-Perfidie sehr theaterwirksam, der Feinheit und schwebenden Vielschichtigkeit von Jelineks „Rechnitz“ entspricht sie allerdings nicht. Dennoch ist dem Kammerspiele-Team eine hochkarätige Uraufführung geglückt. Nicht zuletzt, weil Jossi Wieler den Humor nie zu kurz kommen lässt. Mündlich wie körpersprachlich lässt er seine Schauspieler groteske Pointen platzieren: etwa wenn die Boten in einer skurrilen Choreografie der verkrampften Lässigkeit die verräterischen Gewehre verschwinden lassen wollen.

Heftiger Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

5., 13., 20. Dezember.

Das umstrittene Buch von David R. L. Litchfield erschien auf Deutsch beim Assoverlag, Oberhausen: „Die Thyssen-Dynastie. Die Wahrheit hinter dem Mythos“.

Das Jüdische Gemeindezentrum zeigt zum Thema Rechnitz-Morde am 10. Januar, 20 Uhr, den Dokumentarfilm „Totschweigen“ von Margit Heinrich und Eduard Erne, anschließend Lesung und Diskussion (089/ 20 24 00 491).

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