Kraftfeld Europa

- 2000 Jahre Geschichte, egal ob deutsche, ob irgendeine andere, sind nicht darstellbar. Ein gigantisches Gewebe aus Myriaden von Ereignissen, Erlebnissen und Wahrheiten. Jede Art von "Geschichtsschreibung" kann lediglich ein Modell sein, und zwar ein wandlungsfähiges. Es muss von vornherein signalisieren, dass es keine endgültige Aussage machen will.

Es ist Ausdruck der eigenen Zeit, der Macher und der Gesellschaft, aus der sie erwachsen. Insofern ist der Begriff "Ständige Ausstellung" für das Historienpanorama, das Berlins Deutsches Historisches Museum (DHM) jetzt vor seinen Besuchern aus dem In- und Ausland aufspannt, ein Widerspruch in sich. Das war den Kuratoren - jede Epoche wird einzeln betreut - um Generaldirektor Hans Ottomeyer wohl klar. Sie zeigen viel und postulieren wenig. Denn die Institution selbst ist ein Kind der deutschen (Teilungs-)Geschichte, ist Allegorie der Wende und des Zusammenwachsens (s. Kasten).

Überangebot an Objekten

"Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen" vom ersten Jahrhundert vor Christus bis 1990, verankert im Kraftfeld Europa. Ein bedenkenswertes Signal in einer Phase, in der Europa wunderbar friedlich, enorm erfolgreich - und auf eine ziemlich dumme Weise europamüde ist. Die Präsentation kann da aktuell und gar nicht rückwärts gewandt einen Debattenschwerpunkt setzen. Und die These belegen: Wer sich seiner historischen Identität, seiner Nation wahrhaft bewusst ist, kann eigentlich nicht chauvinistisch, gar fremdenfeindlich sein. Er begreift dann, dass es Identität nur in einem Gefüge geben kann. Wobei der so genannte Deutsche schon seit Jahrhunderten als mehr oder weniger multiple Persönlichkeit existiert: Was bedeutet schon Deutschland, wenn einen der unmittelbare Landesherr 'rumschubsen darf? Oder: Was ist dem Franken Bayern, dem Bayern Deutschland?

Diese Relativität greift die Schau in der Eingangshalle des Zeughauses sinnfällig auf. Auf ein topografisches Relief von Europa werden die Staaten seit dem Römischen Reich projiziert - ein schnelles, stummes Werden und Vergehen, Vergänglichkeit von Herrschaft. Ähnliches signalisiert beim Treppenaufgang ein Leuchtfoto von einem Buchenwald (Künstlerteam M+M). Die Geister der Germanen tauchen auf - und schon sind sie wider weg. So pfiffig geht es allerdings nicht weiter. Obgleich die Soldatenmaske aus der Varus-Schlacht einen faszinierenden Blickfang bietet und viele antike Exponate die Neugier aufstacheln, stürzt gerade diese Abteilung (1.Jh.v.Chr.-1500) und die folgende (1500-1650) den Besucher in heillose Verwirrung.

Eine chaotische, eng gestellte Museumsarchitektur aus massiven Vitrinen-Schrankwänden, Glaskästen aller Größen, Info-Stelen, "Kulissen" mit Bögen, Durchgängen und Kabinetten verbaut die Objekte und die Aufmerksamkeit des Betrachters. Mittelalter und Reformation werden auf diese Weise geradezu verwirbelt. Kleine Gegenstände gehen im Überangebot unter, wo sich oft nur "Knaller" wie der metallklirrende Ritter hoch zu Ross, das natürlich ebenfalls geharnischt ist, behaupten können. Das ist umso bedauerlicher, als es "Leckerbissen", Kuriositäten, Aussagekräftigeres oder Erleseneres zu entdecken gäbe. Von der innigen Pietá´ (Salzburg, 1460) über wunderbar illuminierte Bücher und Cranach-Gemälde bis zu Ablasszetteln und Schmähblättern, die gegen eben diesen Ablass wettern.

Das DHM hat eine Sammlung von 700 000 Objekten und wollte in dieser Leistungsschau mit 8000 Stücken zeigen, was es "draufhat".

Eine - zugegeben - für jeden Kurator schmerzliche Selbstbeschränkung hätte der Exposition dennoch sehr, sehr gut getan; auch wenn ab der Barock-Zeit (1650-1789, Vormacht und deutscher Dualismus) die Präsentation übersichtlicher wird. In den "Zonen" für den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, das NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg sowie für die beiden Deutschlands gerät die Präsentation wieder kurzatmig, erstickt fast an der Masse von Objekten und Themen. Es ist schon klar: Zu jeder dieser Phasen könnte das Museum eine umfangreiche Einzelausstellung ausstatten. Mit "Anreißern" klug umzugehen, fällt deswegen besonders schwer.

In dem Überangebot am besten zurechtfinden wird sich der Besucher, der schon auf einem sicheren Geschichts-Gerüst steht. Der ordnet dann problemlos die schönen Drucke von Schloss- und Gartenanlagen den Funktionsweisen des Absolutismus zu oder das türkische Zelt dem Kampf des Abendlandes gegen das Osmanen-Reich. Das übrige Publikum sollte eine Überraschungstour akzeptieren im Dschungel aus Akten und Autos, Säbeln und Seidenkleidern, Tischaufsatz und Telefon, Buch und Bombe, Porzellan und Propaganda, Urkunden und Uniformen.

Die 5000 Quadratmeter des Obergeschosses sind den Zeitläuften bis 1918 vorbehalten. 3000 Quadratmeter im Parterre versuchen, die Entwicklung von der Weimarer Republik bis zum Mauerfall zu fassen. Was überall und immer präsent ist: Krieg, Krieg, Krieg. Im Glanz der alten Stücke wird die Not des Dreißigjährigen Kriegs - eine der grauenvollsten Epochen Deutschlands - vertändelt. Hier hätte man beispielsweise Jacques Callots atemberaubende Grafiken massiv hervorheben müssen. Vernichtung ist die Konstante der Geschichte. Für Deutschland mündete sie in den Konzentrationslagern. Erschütternd das in lakonischem Weiß gehaltene Modell des Auschwitz-Krematoriums: der Zug der Menschen, die in die Keller hinabgedrängt werden; die sich entkleiden müssen; die in der Gaskammer zum Sterben zusammengepfercht sind; die oben als Leichen weggeschafft werden.

Wenn am Ende der Ständigen Ausstellung Mauerreste stehen und die Wir-sind-ein-Volk-Plakate, die kein Gemetzel auslösten, dann scheint jene Geschichtskonstante zumindest für Deutschland und seine nächsten Nachbarn durchbrochen: Und Europa ist die Friedens-Vision. Dass es kein unausweichliches historisches Dahintreiben gibt, zeigt die Schau an einem Punkt ganz gut. Als sich die Weimarer Republik stabilisiert hatte, war ein "Happy End" möglich. Bösartige Feindbilder trieben Europa jedoch in die Katastrophe mit zig Millionen Toten.

Unter den Linden 2; täglich 10-18 Uhr; Tel. 030/ 20 30 44 44; www.dhm.de.

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