Im Kraftfeld der Großfamilie

- Als türkische Soldaten im "Rambo"-Stil im "Tal der Wölfe" aufräumten, zeigte sich den Deutschen ein irritierendes, für viele erschreckendes Bild der türkischen Gesellschaft. "Tal der Wölfe" ist zwar der türkische Film, der mit Abstand von den meisten Deutschen gesehen wurde. Wie wenig repräsentativ er aber für das dortige Gegenwartskino ist, konnte man auf dem Internationalen Filmfestival von Istanbul beobachten, dem wichtigsten des Landes, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feierte.

Unglaubliche Vielfalt

Mehrfach entfalten Regisseure das Kraftfeld der Großfamilie. Ganz schön dramatisch geht es dabei in "My father and son" zu. Cagan Irmak zieht alle Register: Gleich am Anfang gibt es eine Sturzgeburt im Park, die Mutter stirbt, weil keine Hilfe kommt. Schuld daran ist der Militärputsch, der sich just in der gleichen Nacht des Jahres 1980 ereignet hat und der bis heute traumatisch nachwirkt.

Geschickt verknüpft der Film diesen Hintergrund mit der Rückkehr eines verlorenen Sohnes aufs Land. Der kleine Enkel führt die Familie zusammen. Erst gegen Ende geht das Gleichgewicht zwischen Privatem und Politischem verloren, siegt die Sentimentalität.

Filme wie dieser - über vier Millionen haben "My father and son" gesehen - sind die wirklichen Publikumsrenner, in der Türkei liebt man eher Komödien und Versöhnliches. Immerhin 40 Prozent Marktanteil haben einheimische Filme zuletzt erobert, eine Quote, die nur in Indien, Korea und den USA übertroffen wird.

Ein Jubiläums-Querschnitt durch die letzten 25 Jahre des türkischen Films zeigte Kultklassiker wie "The Agha" (1985) und "Her Name is Vasfiye" (1986) ebenso wie Filme der international gefeierten Generation der Anfang 40-Jährigen. Etwa Nuri Bilge Ceylan ("Uzak"), Zeki Demirkubiz, Semih Kaplanoglu, die politisch durch die Opposition zur Diktatur sozialisiert wurden und heute unter Mini-Budget-Bedingungen Filme machen: das künstlerische Gesicht des türkischen Gegenwartskinos.

Diese Tradition und die unglaublich vielfältige türkische Kinokultur der Gegenwart wird in Europa noch zu wenig wahrgenommen. Dabei ist türkisches Kino hip: Zwei Filme sollen, so munkelt man, im Wettbewerb von Cannes laufen, ein weiterer in Venedig.

Ein Autorenfilmer ist Reha Erdem. Sein glänzend fotografierter "5 Times" ist das sperrige Gegenstück zu "My father and son": Auch hier drei Generationen in einem Dorf. Unter strahlend blauem Himmel, in archaisch karger Landschaft konzentriert sich der Film auf die sorgfältige Beobachtung dreier Kinder. Die Kinder werfen ihren eigenen Blick auf die Welt der Erwachsenen, passen sich stumm deren Lebensrhythmus an und distanzieren sich zugleich innerlich total. Vieles ist tragisch und schwer, manches federleicht, Schuld und Sühne verschwimmen in der unendlichen Wiederkehr des Gleichen. Und täglich ruft der Muezzin . . .

In der Zusammenschau mehrerer Filme zeigen sich Konturen der geistigen Situation der Türkei: Immer wieder gibt es dieses Wechselspiel zwischen Gehen und Zurückkehren, Aufbruch und Dableiben, das zumeist im Konflikt zwischen Stadt und Land und der Generationen ausgetragen wird. Viele Regisseure stellen ihre Gesellschaft und ihr Land in Frage - ein definitiv anti-patriotisches Kino, das die gesellschaftliche Wirklichkeit im Detail sehr offen kritisiert.

Neben dem nur begrenzt unschuldigen Kinderblick aus "My father and son" und "5 Times" sind die neuen Helden vor allem junge, urbane Frauen. Im Zentrum von "Two Girls" (Kutlug Ataman) steht die Freundschaft zweier Mädchen, die sich darin gleichen, dass sie nicht verstanden und vor allem für die Wunscherfüllung der Mütter instrumentalisiert werden. Das untergründige Thema ist das feste Bündnis der Frauen, das eine wichtige Säule der türkischen Männergesellschaft bildet und nichts schärfer sanktioniert als weibliche Ausbruchsversuche.

Die Verschiedenheit dieser Perspektiven vereint die Hauptfigur von Mustafa Altioklars Thriller "Shattered Soul". Auch sie eine junge Frau, die an einem multiplen Persönlichkeitssyndrom leidet. So kämpfen in ihrer Psyche eine fürsorgliche Lehrerin, ein kleines Mädchen, eine Schlampe und eine fundamentalistische Predigerin miteinander. Im Gewand des Genrefilms erzählt Altioklar auch von den unversöhnten Differenzen einer Gesellschaft zwischen türkischer Tradition und europäischer Zukunft.

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