Kratzt falsch, dröhnt falsch

Salzburg - Philipp Stölzl inszenierte für die Salzburger Festspiele Hector Berlioz Werk "Benvenuto Cellini" mit Bernhard Fritz in der Titelpartie.

Im Sommer 1838 platzte dem Maestro der Kragen. "Was für ein eisiges Inferno", tobte sich Hector Berlioz brieflich aus. "Da singt alles falsch, kratzt falsch, dröhnt falsch, ohne Mut, ohne jede Intelligenz." Was der Meister seinerzeit aufs überforderte Ensemble der Uraufführung münzte - und 169 Jahre später Salzburg beruhigen dürfte: Gemessen an Berlioz Ausfällen hat es sich der authentischen Produktion genähert. Natürlich ist "Benvenuto Cellini" der Ausnahmezustand der Opernliteratur.

Maßlos und monströs in seinen Mitteln, gebraut in der instrumentalen Giftküche. Eine weniger stringente, vielmehr wuchernde Handlung. Und dennoch keine unaufführbare Abart des Genres, sondern ein wüstes, aufregendes Experiment, bei dem sich ein Künstlerleben in hart geschnittenen Episoden selbst bespiegelt. Fürs mittelreichste Festival der Welt, wo der Regie- Sandkasten zum ungebremsten Austoben lädt, ist es offenbar noch etwas anderes: die Einladung zum Overkill. Dieses "Nun mach mal Junge" seines Mentors und Festival-Chefs Jürgen Flimm ließ sich Philipp Stölzl nämlich nicht zweimal sagen.

Dabei zeigt der Regisseur, Bühnenbildner und Videofilmer (etwa für Madonna) durchaus sympathische szenische Fantasie und einen Witz, der Berlioz Bilderbogen manche Pointe abgewinnt. Vor raffinierter Videoprojektion, die Batmans Gotham City zeigt und Cellinis Rom mit New-York-Elementen mixt, entsteigt der Titelheld also einem Hubschrauber. Freundin Teresa wechselt bei jeder Arienstrophe das Kleid, Papst Clemens stolziert als Sektenfreak herein, der sich von zwei schwülen Jungs mit Glitter beregnen lässt. Und zum Faschingsbild wurde zuvor alles auf die Bühne des Großen Festspielhauses gezerrt, was nicht rechtzeitig aus der Hofstallgasse flüchten konnte. Gaffern gibt Stölzl ordentlich Zucker - und Filmfans ein dreistündiges Zitatenfeuerwerk: In Batmans Welt wackelt Ascanio als Metropolis- Roboter durch die Szene, das Maul eines riesigen "Findet- Nemo"-Fischchens wandelt sich zum Theater, anderes erinnert wieder an "Star Wars".

Doch tappt Philipp Stölzl da mit in dieselbe Falle wie weiland Doris Dörrie im Affen- "Rigoletto" seiner Heimatstadt München: Letztlich ist das Zitateraten nicht mehr als Stölzls Daueranmache für Kinogänger und angeblichen Publikumsnachwuchs. Erkenntnisgewinn: gleich null. Im diffusen, bald ermüdenden Spektakel gibts kaum Fokussierung auf einzelne Personen.

Wer überhaupt singt, ist manchmal nicht auszumachen. Nach der Pause, wenn die karnevaleske Ausstattungsorgie überstanden ist, konzentriert sich das Spiel, bleibt jedoch in munterer Konvention stecken. Der finale Höhepunkt, das Gießen der Perseus-Statue, misslingt als müde zischende Trockeneisschlacht. Aber da ist die Aufführung nach Stölzls Dammbruch ohnehin längst im Ideenhochwasser ersoffen - und die Musik dank Valery Gergiev totgeprügelt worden. Welch absurde Idee, für eine solche Partitur, die dirigierende Feinmechaniker erfordert, ausgerechnet Holzfäller Gergiev zu engagieren. Einen der meistüberschätzten Dirigenten der Szene, der Details gern ins Neonlicht zerrt, um sie dort vor aller Ohren zu exekutieren.

Lustlos krawummen sich die Wiener Philharmoniker folglich durch den Abend, lassen duftige Begleitfiguren zum banalen Humtata und dramatische Zuspitzungen zum Krawall mutieren. Was noch ärgerlicher ist: Kaum eines der großen Ensembles ist präzise, Bühne und Graben driften oft auseinander, Wiens Staatsopernchor begnügt sich dann mit Annäherungswerten. Eine über weite Strecken schlampig musizierte Aufführung, die den Festivalgast auf ganz neue Gedanken bringt: Geldzurück- Garantie nicht nur bei Netrebko-Absagen, sondern auch bei Dirigentenversagen?

Burkhard Fritz in der Titelrolle, der für Neil Shicoff bekanntlich alle Termine übernommen hat, konnte an seinen Berliner "Parsifal"-Erfolg nicht anknüpfen. Klanglich blieb er schwachbrüstig, viel zu passiv, was ein, zwei offensive Spitzentöne kaum wettmachten. Brindley Sherratt (Balducci) und Mikhail Petrenko (Papst Clemens) waren vokal kaum vorhanden. Maija Kovalevska (Teresa) sang sich in die Herzen der Zuhörer: eine Lyrische mit emphatischer, in den besten Passagen jubelnder Tongebung. Als zackig marschierender Roboter machte Kate Aldrich (Ascanio) mehr Eindruck als mit zwar differenzierungslustigem, doch leicht zerfasertem Mezzo.

Der Einzige, der Berlioz stilistisch erfasste und Stölzls Vorgaben wie ein nimmermüder Springball erfüllte, war Laurent Naouri (Fieramosca). Typisch Salzburg, dass diese beste Leistung im Ensemble nur mit freundlichem Beifall bedacht wurde, während Stölzls Brot-und-Spiele-Regie die erwartbare Pawlowsche Reaktion hervorrief: Jubel für einen Opernfrischling, dem vor zwei Jahren in Meiningen mit Webers "Freischütz" immerhin ein intelligentes Debüt geglückt war. Noch besteht also Hoffnung.

Die Handlung

Benvenuto Cellini wurde vom Papst mit dem Guss einer Perseus- Statue beauftragt - zum Missfallen des päpstlichen Schatzmeisters Balducci. Der will seine Tochter Teresa mit Fieramosca verheiraten. Doch sie liebt Cellini. Der Bildhauer und sein Freund Ascanio wollen als Mönche verkleidet Teresa auf einem Maskenfest entführen. Fieramosca und sein Gehilfe Pompeo bekommen davon Wind und tauchen in der gleichen Verkleidung auf. Cellini tötet Pompeo im Handgemenge und flieht mit Teresa. Der Papst gewährt Cellini eine Frist: Sollte er bis zum Abend die Statue gießen, wird er freigesprochen und bekommt Teresa. Cellini schafft es.

Die Besetzung

Dirigent: Valery Gergiev.

Regie und Bühne: Philipp Stölzl. Kostüme: Kathi Maurer.

Video: Stefan Kessner, Max Stolzenberg.

Chöre: Andreas Schüller.

Darsteller: Burkhard Fritz (Benvenuto Cellini), Laurent Naouri (Fieramosca), Brindley Sherratt (Balducci), Mikhail Petrenko (Papst Clemens VII.), Maija Kovalevska (Teresa), Kate Aldrich (Ascanio), Xavier Mas (Francesco), Roberto Tagliavini (Bernardino) u.a. 

Weitere Vorstellungen: 15.,18., 21., 26., 30.8., Tel. 0043/662/80 45-500. 

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