Krebs, Krieg und Käsereibe

- Man schlägt einen Lyrik-Band auf, und als erstes fällt der Blick auf die Überschrift: "DIAGNOSE KREBS oder ALLES WIRD GUT". Robert Gernhardt, unser Mann fürs Heitere, knallt in seinen "K-Gedichten", die er unterteilt in "Krankheit als Schangse", "Krieg als Shwindle" und "Kunst als Küchenmeister" (das ist der kleine, magenfreundliche Nachschlag des Büchleins), den Panikmacher Nummer eins ins Leser-Gemüt. Verse und Tumore, Strophen und Metastasen, Reim und Chemotherapie, so genießt man Gedichte eher ungern. Klar, das globale Allgemeine, das übermenschliche Leid, die göttliche Tragödie, die historische Not, der Tod an sich, all das darf auf Versfüßen daherkommen. Aber das Verrecken am Tropf neben Urinflasche und dem röchelnden Bettnachbarn? Das lässt sich nicht nicht wegschieben, ästhetisch verklären, das ist hautnah-fieser Alltag.

<P>Genau den will Gernhardt gestalten und dem möchte er eben nicht lyrisch ausweichen. Deswegen setzt er sein authentisches Ich, seine Krankheit voll dem Leser aus. Weder narzisstisch noch weinerlich, sondern immer mit der lebenstüchtigen humoristischen Weisheit, die eines Wilhelm Busch würdig wäre: "Ich schwimme im Glück./ Ich bade im Licht./ Das sagt sich so leicht,/ doch das lebt sich nicht/ wortwörtlich.// Er liegt in der Scheiße./Er steckt im Kot./ Das sagt sich nur schwer,/ denn er lebt es zur Not/ortörtlich." So formen sich all diese Gedichte auch zur "Schangse" für die, die krank sind und einen trostreichen Freund brauchen, und für die, die in Furcht leben vor der unheimlichen Bedrohung Krebs. Gernhardt, der lyrischer Realitätenhändler, hilft, wenn er von Chemo-Sitzungen, Haarausfall, Palliativmedizin und dem Tod "singt". Am erschütternsten das "Lied von der Hinfälligkeit", das von der kalten Gleichgültigkeit der Gesunden, der Lebenden erzählt.<BR><BR>Gegen diese intensiven Erfahrungen fallen die Anti-Kriegs-Gedichte, entstanden kurz vor dem zweiten Irak-Feldzug, ab. Politisches Engagement und kluge Analyse werden zu beachtlicher Gebrauchslyrik, zu mehr nicht. Da ist einem "das positive K" schon lieber: "Liebste, reich die Käsereibe,/auf dass ich den Käse reibe./ Liebling, schau: Ich reibe Käse./ Was das wird, Schatz? Reibekäse!"</P><P>Robert Gernhardt: "Die K-Gedichte". S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 96 Seiten; 14 Euro.<BR></P><P> </P><P> </P>

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