Wie ein Kreuzworträtsel

- Beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks ist Bernard Haitink Stammgast. Der 76-Jährige gehört zu den Großen der Branche, auch wenn er durch sein unprätentiöses Auftreten, durch seine mätzchenfreien, ehrlichen Dirigate das Gegenteil eines glamourösen Stars ist. Eng verknüpft ist sein Name mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam, das er von 1961 bis 1988 leitete. Im Gasteig dirigiert der Holländer heute und morgen Anton Weberns Passacaglia, Alban Bergs "Sieben frühe Lieder" und Gustav Mahlers vierte Symphonie. Solistin ist Juliane Banse.

Sie haben maßgeblich zur Mahler-Renaissance beigetragen. Wie hat sich Ihre Einstellung zu diesem Komponisten verändert?

Haitink: Wenn man lange genug lebt, so heißt es, soll sich ja eine Weiterentwicklung ergeben (lacht). Komischerweise war ich ursprünglich mit Mahler gar nicht vertraut. Was auch an den Umständen lag: Es gab schließlich die deutsche Besatzungszeit in Holland, in der er nicht gespielt werden durfte. Ich bin eher mit Bruckner aufgewachsen. Als ich Mahler erstmals hörte, hatte ich Angst vor seiner Sprache, die ich nicht verstand. Meine Beschäftigung mit ihm geschah auch nicht ganz aus freiem Willen. Entgegen mancher Klischees war das Concertgebouw-Orchester kein Mahler-Ensemble. Die Plattenfirma Philips wollte irgendwann alle Symphonien von mir. Ich war skeptisch und meinte: "In Gottes Namen. Aber ich brauche zehn Jahre dafür. Nur eine pro Jahr!"

Besteht am Anfang die Gefahr, dass man Mahler zu "wörtlich" nimmt? Viele meinen, Mahler sei eine Musik des "Als ob".

Haitink: Ja. Es ist eine komplexe Musik, deren Aussage man nur oberflächlich, also missverstehen könnte. Mich fasziniert auch seine Orchesterbehandlung. Er war angeblich ein fantastischer Dirigent, und das spürt man bei den Partituren. Diese Musik trifft die Menschen auf eine besondere Weise. Wenn Mahler gespielt wird, ist der Saal meistens voll.

Warum? Passt Mahlers Gebrochenheit in unsere Zeit?

Haitink: Es scheint so. In den 60er-Jahren kamen nicht viele Zuhörer. In neuerer Zeit habe ich vor allem bei den Londoner Proms gute Erfahrungen gemacht. Gerade junge Leute sind unglaublich begeistert. Die Emotionen sprechen sie total an. Nur finde ich, dass Mahler mittlerweile zu viel aufgeführt wird. Spielt man Bruckner und Mahler zu oft, dann entleert sich diese Musik auf merkwürdige Weise. Sie muss den Charakter des Einmaligen behalten.

Mahler hat oft "Programme" hinterlassen. Welche Rolle spielt für Ihre Interpretation dieses Außermusikalische?

Haitink: Keine große. Die Musik spricht aus sich heraus, ist sehr vokal geschrieben. Ich fühle mich auch besonders von den späten Symphonien angezogen, die gar kein "offizielles" Programm haben und die auf keinen Wunderhorn-Liedern basieren. Manchmal ist so etwas auch nur ein Etikett wie bei Mozarts "Jupiter-Symphonie".

Gibt es eigentlich - trotz Ihres großen Repertoires - Komponisten, bei denen Sie sagen: Die passen nicht zur mir?

Haitink: Sicher (überlegt lang). Aber mir fällt prompt keiner ein. Ich finde manchmal Schönberg schwer zu verstehen. Ich bewundere ihn. Aber ich liebe Alban Berg für seine so persönliche, emotionale Sprache, die ich bei Schönberg vermisse. Und, doch das ist fast ein anderes Thema: Mittlerweile werden manche Komponisten von Barock-Ensembles okkupiert. Die tun viel Gutes, aber das entwickelt sich ein bisschen in Richtung Diktatur. Mahler ohne Vibrato zum Beispiel, das finde ich kriminell. Ich höre mir diese Aufführungspraxis an, finde vieles interessant, lerne auch davon, aber ich tue nicht mit. Ich möchte einen durchsichtigen, trotzdem warmen Klang haben. Eine Ausnahme ist Bach, der für mich über allem steht. Mit modernen Orchestern ist es schwer, ihn zu spielen.

Aber warum? Wenn die Interpretation eine innere Logik hat, ist doch Bach auch für moderne Ensembles geeignet. Jeder große Komponist hält das aus.

Haitink: Das stimmt schon. Der Markt hat sich eben dahin entwickelt. Vielleicht sind das alles Äußerlichkeiten. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich werde die Matthäus-Passion mit dem Boston Symphony Orchestra und seinem Chor aufführen.

Wie kam es zu dieser Münchner Programmzusammenstellung? Drei Werke vor einem gesellschaftlichen und musikalischen Umbruch?

Haitink: Programme zu entwickeln, ist für mich manchmal wie ein Sport. Wie die Lösung eines Kreuzworträtsels. Sie müssen auch in die Saison des Orchesters passen. Musiker kamen in der ersten Probe zu mir und sagten: "Oh, das ist so ein schönes Programm, weil wir die Stücke lange nicht gespielt haben." Wie wunderbar! Gewisse Werke brauchen nämlich Urlaub.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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