Krieg der Knöpfe

- Paradoxon nahezu jeder Oper vor Richard Wagner und dem späten Verdi: Dass sie sich zwar als Handlung versteht, das, was sie aber hauptsächlich ausmacht, eben gerade nicht geeignet ist, um Handlung darzustellen. Arien, Duette, Ensembles mögen dazu taugen, Gefühle wie Freude, Trauer, Hass oder Zwiespalt zu verdichten, die "reale" Zeit aber muss dann stehen bleiben zugunsten des solchermaßen festgehaltenen Augenblicks. Charles Gounods Oper "Roméo et Juliette", uraufgeführt 1867, macht da keine Ausnahme.

<P>Shakespeares "Romeo und Julia", diese so atemlos wie ekstatisch dahinhetzende, aktionsschwangere Liebestragödie, erscheint in Gounods Vertonung eingedampft auf wenig mehr als vier große Duette der beiden Protagonisten, und das Ganze gewürzt mit viel effektvoller 19.-Jahrhundert-Melodramatik und einer Prise süßlicher Religiosität.<BR><BR>Diese Mischung mag Gefahr laufen, auf den Zuschauer am Anfang des 21. Jahrhunderts pathetisch und sentimental, auf jeden Fall befremdlich zu wirken. Nachvollziehbar also immerhin, wenn ein Regisseur unserer Tage sich berufen fühlt, das Stück inszenatorisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten. An der Bayerischen Staatsoper hat solches seit Jahren Tradition und von Händel bis Wagner so manchen erfrischenden, neuen Blick auf scheinbar in Altehrwürdigkeit Erstarrtes ermöglicht. Ist jetzt das Goldene Zeitalter des fröhlichen Dekonstruierens endgültig vorbei? Die enttäuschende oder einfach nur ärgerliche Neuinszenierung von "Roméo et Juliette" durch Andreas Homoki in Bühnenbildern und Kostümen von Gideon Davey legt solche Niedergangstheorien nahe.<BR><BR>Denn dass das Stück unter der Last der ihm durch dieses Regieteam aufgebürdeten optischen Albernheiten nicht vollends in die Knie ging, das spricht für die in Deutschland noch immer unterschätzte Qualität der Musik Gounods und ist der grandiosen Ausführung derselben durch die Künstler um Marcello Viotti geschuldet. Wie der die glänzend disponierten Musiker des Staatsorchesters zu luzidem, dabei emotional höchst aufgeladenem Spiel animierte - ein Glücksfall für den Abend. </P><P>Da vermeiden mit exakten, zarten Akzenten schon die Fugato-Passagen der Ouvertüre jede Gefahr polyphoner Ledernheit, da destillieren die flexibel federnden Walzer-Rhythmen Juliettes Ariette "Ah! - Je veux vivre" zum reinen Ausdruck pulsierender Lebenslust, und ein einfacher, aus dem Piano sich aufbauender Holzbläserakkord enthält alle nötige Spannung, um vom Fest in Capulets Haus bruchlos in die Seelenlandschaft des nächtlichen Gartens hinüberzuführen.<BR><BR>Optische Albernheiten</P><P>Auf der Bühne rotiert in diesem musikalischen Zaubermoment ein riesiges, auf die Seite gelegtes Schreibpult, wie es im ersten Nachkriegsjahrzehnt noch in deutschen Volksschulen Verwendung fand. Hier aber ist Amerika. An einer Highschool, gefühlte Zeit Mitte der 50er-Jahre, siedelt Andreas Homoki sein Verona an: Übermannsgroße Requisiten, eine Tuschefeder, ein Bleistift der Härte HB-2B, Comics und Jungmädchen-Groschenromane sollen von der naiv eingefärbten Innenwelt eines US-Teenagers künden. Juliette, die Tochter eines Highschool-Professors in Talar und bequastetem Birett, Capulets und Montaigus, sie alle in diesem Inventar wie Liliputaner agierend, gehören, gesteckt in schreiend bunte Schuluniformen, anscheinend rivalisierenden Schulen an. Tybalt, man ahnte es schon, wird im kulminierenden Krieg der Knöpfe alsbald auf die Tuschfeder aufgespießt.<BR></P><P>Einige wenige Male nur entwachsen der falschen Konkretheit solcher infantilen Ablenkungsmanöver Bilder von Klarheit und Schönheit: Wenn sich der Pultdeckel öffnet, gibt er mal einen großen, vor Nachthimmel schwebenden Mond, mal Himmel mit weißen Wölkchen frei. In solche Ewigkeitsidylle werden sich die sterbenden Liebenden am Ende recht vital flüchten. Was ein musikalisch-dramatischer Koloss wie Wagners "Ring" aufgrund seiner schieren Masse und seiner Vielschichtigkeit wegstecken kann, den Versuch, Pathos konsequent und immer wieder zu brechen, das bedeutet bei so einem klassizistisch schlanken und nun halt mal im Innersten auf solchem Pathos fundierten Stück wie "Roméo et Juliette", ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen. <BR><BR>Zurück also lieber zum althergebrachten Rampentheater? Wenigstens was die Qualität der Solisten dieser Premiere angeht, besteht kein Zweifel, dass sie auch ohne grelle Visualisierung, allein rein musikalisch ausreichend Sinn zu stiften vermögen: Angela-Maria Blasi als Juliette sang die Koloraturen des Anfangs und die große hochdramatische Szene vor der Einnahme des Gifts mit der gleichen stupenden Souveränität wie die Lyrismen der Liebesszenen. Marcelo Alvarez war ihr mit schlank-kraftvollem, angenehm unspeckigem Tenor ebenbürtiger Partner - drei angekratzte Pianotöne fielen dabei nicht ins Gewicht. <BR><BR>Unter den durchwegs gut besetzten Nebenrollen stachen hervor der baritonal agile Mercutio Martin Gantners, Maurizio Muraro als basskräftiger, dabei klar artikulierender Frè`re Laurent und Anna Bonitatibus als Stéphano, die sich mit ihrem virtuosen Chanson von der weißen Taube für größere Aufgaben qualifiziert hat. Uneingeschränkte Zustimmung für alle Musizierenden, heftige Buhs für das Regieteam. </P>

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