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Im Krieg zur Ratte geworden

- Einer, der alles weiß, selbst aber niemals vorkommt, nah ist und doch kein Teil der Geschichte. In Simon Werles Roman "Der Schnee der Jahre" aber ist der Erzähler nicht nur auktorial, sondern viel mehr: Er ist ein wachsamer Engel, schwebt neben den Menschen her. Scheint mit einem Blick um ihre Seele zu wissen.

<P>Und wo die Menschen nicht denken und fühlen, sondern nur ihrem Instinkt gemäß handeln, verweigert er ihnen die Gefolgschaft. Als Edward Callzig in den Zweiten Weltkrieg zieht, der ihn zur "Ratte" werden lässt, weiß der Erzähler davon nichts zu sagen, verbleibt einfach bei den Eltern Schlubb und Kätt in Hainitz im Hunsrück. Bei Schlubb Callzig, der in die Knie gegangen ist vor seinen Erinnerungen an den letzten, den Ersten Weltkrieg, und vor seiner verzweifelt herrischen Frau, die längst nicht mehr zwischen Religiosität und Götzendienst unterscheiden kann.<BR><BR>So nah und doch so fern Edward und all die anderen sind, denken, fühlen - der ganze Roman erzählt im Präsens, alles ist immer Gegenwart. Und doch: Werles Sprache ist unzeitgemäß im besten Sinne, dicht reihen sich Metaphern und Vergleiche, als Versuche, diesem Unerschöpflichen, das man Mensch nennt, nahe zu kommen. Der Autor gehört nicht zu den Niederschreibern und Wirklichkeitskorrespondenten, die nur notieren, was sie sehen.<BR><BR>Von den Schlachtfeldern des Kriegs kehrt Edward zurück mit einem Granatsplitter im Kopf und ohne Erinnerung an den Krieg. "Für Edward blieb es - immer noch - ein Wissen wie aus dem Geschichtsbuch." Immer öfter und immer mehr zieht er sich zurück aus dem Geschehen um ihn herum. Letztlich wird er die Zivilisation fliehen, sich wie ein Tier einen Ort zum Sterben suchen und den Tod finden mit einem Bild von seiner Schuld, von dem, den er getötet hat. "Jener Teil im Innern seines Kopfes, der unbewohnt war seit dem Tag seiner Verwundung und so lange auf das Sterben warten musste, besitzt das Wissen um den Namen des Mannes und spricht ihn jetzt aus."<BR><BR>Im nächsten Satz ist Edward Callzig bereits ein "Leichnam". Simone Werle destilliert Ortlosigkeit und Einsamkeit der Menschen - auch innerhalb der Familie. "Zwei Schicksale bewegen sich lautlos in ihrem jeweils eigenen Körper nebeneinander her und schließlich, so viel Wissen ist ihm geblieben, aneinander vorbei", sagt Edward über sich und seinen Sohn Leip.</P><P>Simon Werle: "Der Schnee der Jahre". Nagel & Kimche Verlag, München/Wien. 443 Seiten, 24,90 Euro.</P><P> </P>

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