Krieg und Sonntagsidyll

- Die Gegensätze könnte nicht krasser sein: eine naive Sonntagswelt im Kabinett, Kriegsbilder darüber im oberen Stockwerk. Das Buchheim-Museum in Bernried präsentiert zum zweijährigen Bestehen Neuerungen in allen Sammlungen. Am prägendsten ist der zweite Expressionisten-Saal, der nach der Sonderausstellung Otto Mueller nun wieder mit Max Kaus und Otto Dix politische und kritische Akzente setzt.

<P>Mueller blieb auch während seiner Militärzeit seiner pastellenen Idylle treu, zeigt Einklang von Mensch und Natur, bedient sich brüchiger Farbschichten und stiller Reportage. Max Kaus' Welt dagegen ist gestört durch die Schrecknisse seiner Kriegserlebnisse: Die "Freunde" (1917) um sein Bett sind erstarrt, in sich gekehrt, schockiert. Seine Ölbilder irritieren durch die absolute Isolation der Figuren. Ergänzt wird die Auswahl durch Lithografien, eindringliche Porträts, die über den Krieg hinweggerettet werden konnten. </P><P>"Der Krieg ist eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen", bekannte Otto Dix, meldete sich freiwillig, kämpfte in Frankreich, Flandern und Russland und zeichnete in jeder freien Minute. 1924 wurde seine Radierfolge "Der Krieg" veröffentlicht: Leichenberge, Totenköpfe, zu Tode Geängstigte neben Skeletten . . . Daneben die Gesellschaftsporträts des großen Kritikers: Damen, dem Verfall preisgegeben, leiten über ins sozial engagierte Berlin der 20er-Jahre. </P><P>Kindheitserinnerung</P><P>Erholung, heile Welt, ein kindliches Lächeln und einen Rückblick ins Paris der Jahrhundertwende bietet dagegen die Sonderausstellung Hector Trotin (1894-1966). Buchheim traf den Naiven in den 50er-Jahren: ein mächtiger Mensch mit Barett, der im Antiquitätenladen des  Vaters arbeitete, dann mit seiner Frau alte Landkarten bemalte und schließlich mit seinem ersten Ölbild von einem Wursthändler verdammt, von einem Trödler unterstützt wurde. Ab da widmete er sich den Erinnerungen seiner Kindheit: Ein stämmiger Gewichtheber, mit einem Bierkrug in der Linken, wird am Nationalfeiertag von den Massen umringt. Ein Wunderwässerchen wird von der Kutsche herab vor Notre Dame verkauft. Ausflüge, Café´-Szenen, idyllische Straßenbilder sind Trotins Welt. Seinem Faible für skurrile Luftschiffe ging er auf Zigarrenkistendeckeln nach. Die Bildchen sind ein Stück lyrische Historie, die nicht nur von den Figuren Trotins, sondern auch von manchem Besucher bewundert werden. </P><P>Einen Ausflug zurück in die knapp dreijährige Entstehungszeit des Museums zeigt Buchheim selbst mit seinen Fotografien, die die Baustelle einfangen. Andere Neuentdeckungen sind mit einer indonesischen Künstlerkolonie und ihren Bali-Schilderungen oder mit den drallen Damen Karl-Heinz Richters zu machen.</P><P>Bis 2. November. Katalog zu Trotin: 6,50 Euro. Tel. 08158/99 70 50. <BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline

Kommentare