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Von der Regie weitgehend alleingelassen wurden Thomas Loibl (Macbeth) und Sophie von Kessel (Lady Macbeth/ Hexe).

PREMIERENKRITIK

Mordmotor mit Unwucht

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Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater

Es hätte alles gut werden können. Der Krieg war siegreich beendet, der König dankbar und huldvoll. So sollte das Ideal einer mittelalterlichen Vasallenordnung funktionieren, auf die William Shakespeare mit „Macbeth“ (1610 uraufgeführt) einen Blick aus seiner Zeit heraus warf. Das Stück hatte am Freitagabend in der Übersetzung von Thomas Brasch und in der Version von Regisseur Andreas Kriegenburg am Münchner Residenztheater Premiere (knapp drei Stunden).

Der englische Dramatiker, der erlebte, wie Elisabeth I. ihre schottische Kollegin Maria Stuart erledigte und wie deren Sohn Jakob wiederum Elisabeth beerbte, setzt neben den Frieden die Hexen. Bei ihm treten sie als Erste auf – Signal des Unheils. Gleich werden sie Macbeth, den großen Sieger und Retter des Königs Duncan, treffen. Hier im Residenztheater drängen sich hingegen vor einem Rundhorizont auf einem hochgeschobenen Podestquader blutüberströmte Männer zusammen (optisch gutes, indes akustikfeindliches Bühnenbild: Harald B. Thor; angenehmes Licht: Gerrit Jurda).

Schwerter schimmern, lange Stangen setzen Speer-Akzente. Das Winden im engsten Körperkontakt demonstriert kernig und effizient Schlachtengetümmel. Am Boden umkreist wird die vor Gewalt dampfende Truppe von einer ebenfalls blutüberströmten Frau, die ihren harschen Kommentar abgibt. Erst nach der Pause wird sie als Lady Macduff identifiziert, die mit all ihren Kindern von Macbeths Mördern hingeschlachtet wurde. Nur weil ihr Mann ins Exil ging.

Indem Kriegenburg die Hexen aus den Männerleibern heraus und auf diese steigen lässt, erklärt er anschaulich, wo der Ursprung des Bösen liegt. Jeder dieser Helden kann zum Mörder werden. Folgerichtig haben die Hexen keine besonderen Auftritte mehr; was einem leidtut ob der pfiffigen Shakespeare-Verse, die er ihnen in den Mund gelegt hat. Der Regisseur treibt jedoch die Maschinerie von Königsmord und Gewaltherrschaft an, gibt seinem Macbeth kaum Zeit für Zweifel. Zum Glück lässt sich Thomas Loibl nicht die Chance entgehen, wenigstens im Ansatz zu zeigen, dass er aus den Seelenqualen des Neu-Bösewichts noch sehr viel mehr hätte machen können.

Obwohl Kriegenburg das Stück, durchaus zu Recht, beschleunigt, hängt es oft durch. Denn er hetzt meist da, wo ruhige Genauigkeit nötig wäre, und bremst dafür an anderen Stellen mit musikalischen Einlagen oder Podest-rauf-runter. Da hätte er lieber seine Energie in die Arbeit mit den Schauspielern investieren sollen. Sophie von Kessel ist als Lady Macbeth besonders ausgestellt. Von der Regie wohl zu sehr alleingelassen, legt sie sich gleich zu Anfang auf der Lady Wahnsinn fest. Spannungsaufbau: null. Ähnlich ergeht es René Dumont mit seinem wackeren Macduff. Die Figur ist bei der Premiere noch in der Anfangsprobenphase. Hanna Scheibe hat als dessen Lady zwar bisweilen Sprechprobleme, aber so viel Ausstrahlung und Frauenkraft, dass man sie gern als Macbeths Eheweib gesehen hätte. Schön, dass Kriegenburg diese Shakespeare-Gestalt ins Rampenlicht gestellt hat: das Opfer als starke Person.

Die anderen Schauspieler verlassen sich auf ihren darstellerischen Charme. Am besten gelingt das Arnulf Schumacher als König. So kuschelt er sich etwa vertrauensvoll an seinen Retter Macbeth – und Zärtlichkeit geht nahtlos in die Todesumarmung über. Eine der stärksten Szenen. Allerdings nutzt die Aufführung solche Setzungen zu wenig für den Gesamtzusammenhang. So geben daneben Jeff Wilbusch und Thomas Gräßle zwei Mörder mit schwarzem Humor, haben Mathilde Bundschuh als Königssohn Malcolm und Pauline Fusban als Macduffs Sohn ihr jeweiliges Solo, dürfen aber nicht mehr anbieten, und hat Thomas Lettows Banquo, doch selbst ein potenzieller Königsmörder, Mühe wahrgenommen zu werden. In dieser Episodenreihung muss Thomas Loibl als Titelfigur immer wieder viel Kraft aufbringen, um den Bogen des Dramas nicht zu oft zusammenzusacken lassen. Ihm gelingt das. Trotzdem stehen seine Studien von Macbeths Charakternuancen wie kunstvolle Teile vereinzelt in dieser Inszenierung. Herzlicher Applaus.

Nächste Vorstellungen

18. und 27. Januar sowie

2., 17. und 18. Februar;

Telefon 089/ 2185-1940.

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