Kriegsbemalung für Siegmund

- Wotan und Erda hatten einiges zu tun. Frauensoldaten, die ihm Helden nach Wallhall schaffen, zeugte der Göttervater mit der Urmutter. Bei Richard Wagner acht plus Brünnhilde, bei Jürgen Flimm gut zwei Dutzend - was für Erda eine mehrjahrzehntige Dauerschwangerschaft bedeutet hätte: Liegt wirklich so viel Zeit zwischen "Rheingold" und "Walküre"?

<P>Egal, der Beginn des dritten Aufzugs mit Sängerinnen, die grell hojotohohen, und Statistinnen, die dazu vom Schnürboden hinauf- und hinuntergelassen werden, verdrängt das Grübeln. Ebenso die starken bis kitschigen Bilder (Bühne: Erich Wonder) und die theatralische Intensität, die Flimms Bayreuther "Walküre" im fünften Jahr auszeichnet.</P><P>Der erste Akt funktioniert - dank seiner gestischen Musik - ja in den meisten Inszenierungen. Doch Flimm schafft auch eindringliche Momente in der Todverkündigung, wenn Brünnhilde dem irritierten Siegmund eine Kriegsbemalung aufs Gesicht streichelt. Oder im berührend gestalteten, fast durchchoreographierten Abschied Wotans von seiner ungehorsamen Tochter, manch Schneuzen im Festspielhaus war wohl keiner Erkältung geschuldet . . .</P><P>Neu im Ensemble ist Eva Johansson, die noch glutvoller, entfesselter als ihre Vorgängerinnen Waltraud Meier und Violeta Urmana agiert, die aber stimmlich über die Sieglinde hinausgewachsen ist. Ihr großer, zur Elektra fähiger Sopran ist nicht ausbalanciert, neigt auch zum intonationsmäßig heiklen Ausufern. Diesem Kraftpotenzial begegnete Adam Fischer mit einem profilierteren Dirigat als im "Rheingold". Das Festspielorchester spielte offensiver, verdeutlichte die Zutaten des Leitmotiv-Cocktails. Doch zu bezwingendem Format, zu unwiderstehlicher Spannung fand diese Deutung der "menschlichsten" aller Wagner-Partituren kaum.</P><P>Dass der Wotan eine aufreibende Partie ist, hörte man bei Alan Titus. Nicht weil er vokal einbrach, sondern weil er zwei Drittel der Aufführung eine Spar-Version lieferte, bevor er im Schlussaufzug Dynamik und Diktion hochregelte. Sein großartiger Abschiedsgesang entschädigte daher nicht für einen mulmigen, prägnanzlosen zweiten Akt - immerhin Zentral- und Angelpunkt des "Ring des Nibelungen".</P><P>Gewachsen an ihrer Aufgabe ist dagegen Evelyn Herlitzius. Vor drei Jahren noch ein Wotanskind mit flackerndem Überdruck, singt sie nun versammelter, lyrischer, begründet die Verletzlichkeit ihrer Brünnhilde also auch stimmlich. "Gegenspielerin" Mihoko Fujimura (Fricka) gab mit raumfüllendem Mezzo die resolute Managerin, Philip Kang einen galligen Hunding, dessen grobkörniger Gesang wohl vereinzelte Buhs provozierte: einzige Misstöne im bisher heftigsten Applausorkan der Bayreuther Premierenwoche, in den Robert Dean Smith, derzeit auch in Münchens "Meistersingern" aktiv, einbezogen wurde.</P><P>Ein Siegmund zum Mitstenographieren, so klar und prononciert, so intelligent phrasierend singt der Amerikaner. Darstellerisch ist er kein Haudrauf, sondern ein sympathischer, zurückhaltender Held - dessen Tenor an dunkler, baritonaler Grundierung gewinnt. Beste Voraussetzung also für 2005, wenn Smith in Christoph Marthalers Regie zum Bayreuther Tristan befördert wird.</P>

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