Kriegsgewinnler des deutschen Herbstes

München - Zuerst von großen Zielen tönen, doch dann der letzten Konsequenz aus dem Weg gehen: "Sie haben lieber andere kämpfen und scheitern lassen ­ stellvertretend", klagt Marko. Sein Freund und Idol Jörg gehört zu diesen Gescheiterten.

Nach langer Haft wird der RAF-Terrorist begnadigt und nun mit den einstigen 68er-Genossen konfrontiert. Was aus ihnen geworden ist: Ilse ist Lehrerin, Karin Bischöfin, Andreas Rechtsanwalt, Ulrich Geschäftsmann und Henner, nun ja, Journalist.

Bernhard Schlinks neuer Roman "Das Wochenende" hakt gewissenhaft eine Aktualitätenliste ab

Satte Ex-Revoluzzer sind das also, die Autor Bernhard Schlink auf ihr schwarzes Schaf Jörg treffen lässt, der an den realen Christian Klar erinnert. Eine Versuchsanordnung in mecklenburgischer Einöde, organisiert von Jörgs mütterlicher Schwester Christiane. Der Terrorist soll am ersten Wochenende der Freiheit zurück in die Zivilisation begleitet werden ­ und erfährt dabei, in welchen oftmals verlogenen Lebens-Biotopen sich's seine feinen Freunde eingerichtet haben.

Der neue Roman des Bestsellerautors ("Der Vorleser") bietet also beste Voraussetzungen fürs Psycho-Drama. Auch für eine literarische Durchleuchtung der jüngeren deutschen Vergangenheit, in der das Wort von der "Tätergeneration" ja eine neue Bedeutung bekommen hat. Das Problem ist nur: Schlinks Buch merkt man dieses Konstrukt und die hehren Vorsätze allzu deutlich an. Als ob es da einer darauf anlegt, unbedingt in den gymnasialen Deutsch-Lehrplan zu kommen, so liest sich "Das Wochenende" über weite Strecken. Was auch daran liegt, dass Jörgs großbürgerliche Bekannte kaum übers Typenhafte hinauskommen: hie der zynische Kapitalist, dort die Gutmenschin und so fort.

Das Beste am Buch ist das unterschwellig Karikaturenhafte, mit denen Schlink Ilse, Karin, Andreas und all die anderen ausstattet. Jene Kaste, die ihren einstigen Weggefährten nur noch mit spitzen Fingern anfasst und belächelt ­ vielleicht, weil sie sich im tiefsten Innern eingesteht, dass sie zu einer Art Kriegsgewinnler des deutschen Herbstes wurden.

Eingewoben wird noch eine arg romantische Liebesgeschichte, der Besuch von Jörgs Sohn und ­ als doppelte Brechung der Realität ­ das Schicksal von Jan, das Lehrerin Ilse zu Papier bringt: ein weiteres Ex-Mitglied dieses Kreises, das in den Trümmern des World Trade Center stirbt ­ womit Schlink seine Aktualitätsliste endgültig abgehakt hat. Was bei seinem Roman freilich zu denken gibt: Eine neue, teilweise belastete Elterngeneration ist da. Und auch ihre Nachkommen werden reagieren und Fragen stellen ­ sofern sich etwas Derartiges von den Kindern des RTL-Zeitalters überhaupt erwarten lässt.

Bernhard Schlink:

"Das Wochenende". Diogenes Verlag, Zürich, 225 Seiten; 18,90 Euro.

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