Kriminalfall Afrika

- Henning Mankell scheint unerschöpflich zu sein: Er schreibt und schreibt, Romane und Theaterstücke, als habe sich die Welt in ihm ein Medium gesucht. Und gerade in den Afrika-Büchern des schwedischen Autors, der zeitweise auch in Mosambik lebt, scheint sich eine Gegenwelt verzweifelt Ausdruck verschaffen zu wollen. Eine Welt mit gänzlich anderen Gesetzen, Denkweisen, Katastrophen, die Kommissar Wallander in seinem Wohlfahrts-Schweden und dessen europäische Fans sich im Traum nicht vorstellen können. Kriminalfälle von ganz unfassbaren Ausmaßen.

<P>Das Opfer ist Sambia</P><P>Wer nämlich glaubt, Mankells "Das Auge des Leoparden" - 1990 in Schweden erschienen und nun ins Deutsche übersetzt - sei "nur" ein Afrika-Roman und, verleitet vom Titelfoto, Safari-Romantik und Tania-Blixen-Exotik erwartet, täuscht sich: Opfer in diesem Krimi ist, stellvertretend für einen Kontinent, Sambia. Und was dem Buch den schrecklichen Thrill verleiht, ist die Erkenntnis, dass es sich bei diesem Fall nicht um ein fingiertes Einzelschicksal handelt, sondern um das Los von zehn Millionen Menschen allein in Sambia. Doch Mankells Buch ist weder ein Betroffenheitsroman noch Entschuldigungsversuch für gescheiterte Hilfsbereitschaft. Sondern ein aufrichtiges Porträt, das erst im Kopf des Lesers eine Anklage entstehen lässt. Auf diesem Grat zu balancieren, ist das Kunststück Mankells.<BR><BR>"Die Unterschiede zwischen den Kontinenten werden immer dann besonders deutlich, wenn sie von zwei Individuen repräsentiert werden." So ein Individuum ist Hans Olofson, aufgewachsen in den Wäldern Nordschwedens. Der Vater ein gestrandeter Seemann und Trinker, die Mutter abgehauen. Beim Spielen in einer alten Ziegelei passiert dem Kind Hans das Unglück: Es erkennt, dass es ein "Ich" ist, und es sucht zeitlebens nach einem Losungswort, das ihm erschließt, was es mit diesem Ich anstellen soll. Es treibt einen Freund in eine verhängnisvolle Mutprobe, eine Freundin in den Freitod. Olofson ist aber kein schlechter Mensch - etwas feige meistens, unentschlossen häufig.<BR><BR>Der Lebenstraum einer anderen Person treibt ihn 1969 nach Sambia. Dass er dort eine Hühnerfarm übernimmt und schwarze Arbeiter befehligt, ist keine Entscheidung von ihm. Von Zufällen lässt er sich in die Rolle drängen. Dankbar für eine Aufgabe verfolgt Olofson jetzt eine Utopie: die Entwicklung des verrottenden Landes unterstützen, die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern, ihnen Verantwortung übertragen. Ein Teufelskreis, denn die Individuen des fremden Kontinents missverstehen das als Aufforderung, Güte auszunutzen. Ihre Einkommensquelle, die Farm, gerät in Gefahr. Wie alle Weißen in Sambia schafft es Olofson nur durch Härte, seine Arbeiter über Wasser zu halten. Allein das ist eine Schreckensgeschichte. Die Darstellung fehlgeleiteter Gelder, ins Gegenteil verkehrter Entwicklungshilfe und der Korruption reicher Schwarzer komplettieren den Horror. Für Olofson wird er zur ständigen Bedrohung: Jede Nacht fürchtet er, gemeuchelt zu werden. Mankell stellt den Hass der Schwarzen in einen größeren Kontext. Die Morde an Weißen sollen das Regime der schwarzen, gierigen Herren ins Wanken bringen.<BR><BR>Allmählich ändert sich für den Leser sein europäischer Blickwinkel: "Der weiße Mann arbeitet schnell und hart, aber Eile und Ungeduld sind in den Augen der Schwarzen ein Zeichen fehlender Intelligenz." Immer wieder springt der Erzähler zurück in Olofsons Jugendzeit in Schweden - ein Kontrast zwischen den inneren Konflikten der Menschen dort und den gesellschaftlichen Problemen in Afrika. Mankell trifft mit diesem erschütternden Drama der Gegensätze beispielhaft den Kern sämtlicher kultureller Verständigungsprobleme.</P><P>Henning Mankell: "Das Auge des Leoparden". Übersetzung von Paul Berf. Zsolnay Verlag, Wien. 379 Seiten, 21,50 Euro.</P><P> </P><P> </P><P> </P><P> </P><P> </P><P> </P><P><BR> </P>

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