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Kris Kristofferson und Band.

Nachtkritik

Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat

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Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem Konzert ein wenig an Wumms. Unsere Nachkritik. 

München - Kris Kristofferson hat das größte Kompliment, das ein Songwriter überhaupt bekommen kann, bereits erhalten: Der Bobfather höchstselbst, Überfolker Bob Dylan, ließ einmal verlauten, die Musik in Nashville sei in eine Zeit vor und nach Kris Kristofferson einzuteilen. Tatsächlich hat der gebürtige Texaner das Treiben in der Country-Hauptstadt maßgeblich geprägt. Er wandte sich vom glatten, gefälligen Sound mit ebensolchen Themen ab und gab den Underdogs eine Stimme, erhob die Faust gegen Ungerechtigkeiten und prägte maßgeblich den Sound des „anderen“ Nashville. Gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen Willie Nelson, Johnny Cash und Waylon Jennings formte er die Supergroup „The Highwaymen“. Also solche prägten sie das Subgenre „Outlaw“-Country, das in seiner Ursprünglichkeit echten Country mitunter besser pflegt als die vielen glattgebügelten Country-Pop-Glitzerstars dieser Tage.

Nach einer Solo-Tour im vergangenen Jahr kehrte der Sänger, Songwriter, Schauspieler, Ex-Army-Helikopterpilot und Oxford-Absolvent für drei Deutschland-Konzerte zurück; in München gab er sich, drei Tage vor seinem 82. Geburtstag, am Dienstagabend die Ehre. Unterstützt von Merle Haggards letzter Tourband „The Strangers”, erschien er pünktlich im nicht ganz ausverkauften Krone-Bau, um ein dicht gefülltes Programm anzugehen, das zum Schluss an die 30 Titel in knapp eineinhalb Stunden reiner Spielzeit umfassen sollte. Angesichts dieses ambitionierten Pensums hielten sich Kristofferson & Band nicht lang mit Ansagen auf, sondern reihten Schlussakkord an Intro, verzichteten weitgehend auf Soli und sparten sich schon mal die eine oder andere Strophe. Dafür gab’s einen umfassenden Einblick in Kristoffersons Werk, dessen Teile von Größen wie Janis Joplin, Johnny Cash, Elvis, Frank Sinatra, Isaac Hayes oder Pink gecovert wurden: „Me and Bobby McGee” (gleich an vierter Stelle), „The Pilgrim, Chapter 33”, „Help Me Make It Through The Night” oder „Sunday Morning Coming Down” gab’s ebenso zu hören wie nachdenklichere Spätwerke wie „Feeling Mortal”. Außerdem gab’s noch ein Konzert im Konzert: „The Strangers” streuten Songs ihres verstorbenen Band-Chefs ins Programm, wobei sich Fiddler und Gitarrist Scott Joss als großartiger Sänger erwies.

Was Kristoffersons Stimme angeht, bleibt festzuhalten, dass ihm sein Alter anzuhören ist. Punkt. In vielen Fällen tun den lebensklugen Songs der gegerbte Ausdruck und der etwas brüchige Ansatz gut. Die zweistimmigen Passagen mit Scott Joss erwiesen sich als Glücksmomente; auch, dass die an die Grenze zum Hörbaren gepegelte Band starke Zurückhaltung walten ließ und ihre Instrumente eher streichelte als spielte.

Wobei, und das ist ebenso festzuhalten, es dem Konzert ein wenig an Wumms gefehlt hat. Das mag auch daran liegen, dass sich das Publikum redlich Mühe gab, durch plumpes Bierzelt-Geklatsche die kraftvolleren Passagen zu übertönen. Außerdem irritierte eine unbestimmte Eile auf der Bühne, die sich einerseits darin äußerte, dass den Songs oft nur Punkrock-Format von eineinhalb Minuten blieb. Andererseits im abrupten Schluss: Dass ein 81-Jähriger nach eineinhalb Stunden keine Zugabe mehr spielt, dafür vollstes Verständnis. Warum die lebende Legende aber in fast unwürdiger Weise nur Sekunden nach dem letzten Akkord des Schlusssongs von der Bühne geführt wurde, obwohl die Fans in Scharen zum Bühnenrand strömten, Blumen brachten und minutenlang stehend applaudierten, bleibt ein Rätsel.

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