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Münchner Motettenchor

Aufbruch ins Ungewisse

Krise beim Münchner Motettenchor

München - Für den Münchner Motettenchor und die Evangelische Kirche steht fest: Dirigent Hayko Siemens darf nicht mehr zum renommierten Ensemble zurückkehren. Ein einmaliger Vorgang.

Am Tag nach dem nervenaufreibenden Wochenende (wir berichteten) geben sich Motettenchor und Kirche selbstbewusst. „Für uns ist die Ablösung von Hayko Siemens beschlossene Sache“, sagt Iris Lauterbach, Mitglied des Chorvorstandes. „Ich musste dem Antrag des Chores stattgeben“, sagt Barbara Kittelberger, Evangelische Stadtdekanin. Siemens bleibe Kirchenmusikdirektor von St. Matthäus am Sendlinger Tor und weiterhin für die Kirchenmusik zuständig – aber eben nicht mehr für den Chor.

Genau hier liegt allerdings der Knackpunkt. Sollte Hayko Siemens vertraglich garantiert worden sein, dass er neben der Tätigkeit als Organist auch den Chor leiten darf, könnte er ein Gericht anrufen. Über vertragliche Einzelheiten, so Kittelberger, gebe sie keine Auskunft. Doch schon in den vergangenen Monaten, während des erbitterten Streits im Chor, hat Siemens einen Rechtsvertreter eingeschaltet – schwer vorstellbar, dass er das dieses Mal nicht tut.

Hayko Siemens (58) leitet seit 15 Jahren den Münchner Motettenchor. Der Streit zwischen ihm und dem Ensemble eskalierte, jetzt hat die Evangelische Kirche die Notbremse gezogen.

Dass er durch Kittelberger von seinen Aufgaben als Chorleiter entbunden wurde, ist der End- und Höhepunkt einer langen Entwicklung. Im Jahr 1998 wurde Siemens Nachfolger von Ensemblegründer Hans Rudolf Zöbeley. Schon bald gab es Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen ihm und einzelnen Sängern. Einige verließen das Ensemble Richtung Münchener Bach-Chor. Nach einer Zeit relativer Ruhe eskalierte der Streit. Wieder ging es um Persönliches, aber auch um Finanzielles. Um Siemens’ Gage für eine Israel-Tournee zum Beispiel – obwohl die Choristen sogar einen Eigenbeitrag leisteten. Siemens, der gestern nicht erreichbar war, wird zudem mangelhafte Kommunikationsfähigkeit vorgeworfen. „Er verschließt sich jeglicher Vermittlung“, so Iris Lauterbach vom Chorvorstand.

In einer Abstimmung sprach sich vor einiger Zeit eine knappe Mehrheit des Chores gegen den künstlerischen Leiter aus. Eine Mediation folgte vor wenigen Tagen, an denen Kittelberger, Siemens und Vertreter des Chores, unter anderem auch Siemens-Anhänger, teilnahmen – ohne Erfolg. „Was ich dort erlebt habe, auch in Gesprächen mit Herrn Siemens, machte mir klar, dass diese Entwicklung zu keinem guten Ergebnis führen kann“, meint Kittelberger. „Ich finde die Situation sehr traurig.“

Dabei ist die Evangelische Landeskirche nicht ganz unschuldig an der Situation. Bis in höchste Kirchenkreise wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geklagt, Siemens leiste nicht genug für die Kirchenmusik an St. Matthäus und verweigere sich kircheninternen Kooperationen. Allerdings war es die Kirche selbst, die sich von Siemens offenbar einen Vertrag abhandeln ließ, der ihm alle diese Freiheiten gestattet. Es gibt daher interne Stimmen, die glauben, die Evangelische Kirche habe mit Genugtuung und Absicht die Situation beim Motettenchor eskalieren lassen, um nicht selbst tätig werden zu müssen: Einfach entlassen oder versetzen, das geht nicht – zumal der 58-jährige Hayko Siemens auch öfters krank war.

Einer der traditionsreichsten Chöre Bayerns steht damit vor einem gefährlichen Umbruch. Das Ensemble will nun auf eigene Faust weiterexistieren. Als selbstständiger Verein ist das auch möglich. Der Chor hat finanzielle Rücklagen gebildet, um die nächsten Monate, eventuell auch Jahre zu überstehen – bis zum Zeitpunkt, an dem Siemens in den Ruhestand geht. Ob dies schon in zwei Jahren ein vorgezogener sein wird, ist noch völlig offen.

Mehrere Konzerte sind schon fix: Die „Münchner Motette“ in St. Matthäus am 18. Oktober sowie Weihnachtsliederabend, Silvesterkonzert und Gottesdienstauftritte wird Benedikt Haag dirigieren. Bislang ist er Siemens’ Assistent, seit einiger Zeit leitet er die Proben. Ein Gastspiel in Dresden mit Brittens „War Requiem“ sowie Brahms’ „Deutsches Requiem“ im Münchner Herkulessaal wird Ekkehard Klemm, Rektor der Dresdner Musikhochschule dirigieren. Wie lange der Chor diese schwierige Interimsphase finanziell übersteht? „Das hängt davon ab, wie viele Karten wir verkaufen“, sagt Iris Lauterbach. „Vor allem das Brahms-Requiem am 24. November muss voll werden.“

Markus Thiel

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