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Bei abgesagten Abenden wie hier „Die schweigsame Frau“ an der Bayerischen Staatsoper berufen sich die Theater auf „höhere Gewalt“ - zu Lasten der freien Künstler.

THEATER UND OPERNHÄUSER IN DER CORONA-KRISE

Keine Gage bei abgesagten Abenden: Sparen auf Kosten der Künstler

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Opernhäuser und Theater können derzeit nicht spielen. Doch warum zahlen die Häuser ihren Gastkünstlern, die nichts dafür können, keinen Euro? Manche immerhin geben sich generös.

Eigentlich müsse die Mailänder Scala froh sein um die Schließung: Keine Aufführung, das bedeute keine Aufführungskosten und keine Gagenzahlungen. „Vielleicht sparen die sich ja gerade gesund.“ Zynisch klingt das und erschreckend logisch. Wer dies sagt, tut hier nichts zur Sache – es ist ein bekannter Tenor, der Mann möchte auch künftig in Italiens Opernmekka und an vergleichbaren Häusern engagiert werden.

Die Situation ist tatsächlich pikant. Während Opernhäuser und Theater reihenweise Aufführungen kippen, schauen die dafür engagierten Gastkünstler in die Röhre – im Gegensatz zu fest angestellten Ensemblemitgliedern. Das bedeutet: Da die Gastgagen im Budget eingeplant sind und nicht ausgegeben werden, ist das für die Häuser, die auch in der Krise ihre vollen Zuschüsse erhalten, de facto eine Ersparnis. „Höhere Gewalt“ wegen Corona wird geltend gemacht – für die in ihrer Existenz bedrohten freien Künstler heißt das: „Pech gehabt“.

Widerstand vom Bühnenverein

Doch dagegen regt sich Widerstand. „Die staatlichen Theater haben eine Zuwendungsgarantie“, sagt Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin. „Es ist wichtig, dass die öffentlich finanzierten Theater sowohl an ihre festen wie auch freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Signal aussenden und die Zusage geben, dass sie zu ihren Verträgen stehen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit.“

Einer der Sänger, die sich mit dieser Situation nicht abfinden möchten, ist Johannes Martin Kränzle. Der Bariton wollte im Bayreuther Sommer eigentlich wieder der Beckmesser in den „Meistersingern“ sein und hofft noch (wohl vergeblich) auf die Titelrolle von Messiaens „St. François“ im Mai in der Elbphilharmonie. Er hat in Verbindung mit der Künstlerplattform Theapolis.de auf Facebook einen Aufruf an Kollegen gestartet, man möge doch zusammentragen, welche Theater trotz Corona-Ausstand ihren Gästen wie viel zahlen – und welche nichts.

„Mir ging es nicht darum, dass sich die freien Künstler beklagen“, sagt Kränzle im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich wollte positiv wirken und auflisten, welche Theater in dieser einzigartigen Situation Fortzahlungen vornehmen. Und vielleicht können diese positiven Beispiele eine Art moralischen oder ethischen Druck auf andere Häuser ausüben.“

Sehr Unterschiedliches ist dabei herausgekommen. So zahlt das Münchner Volkstheater den Gästen trotzdem 80 Prozent der Gage für gestrichene Abende. Hundert Prozent überweisen zum Beispiel die Häuser in Hof, Münster, Basel, Kopenhagen, London und das Landestheater Niederbayern. Paris zahlt für eine Vorstellung und für die restlichen einer Serie einen Teilbetrag, Darmstadt ist mit 50 Prozent dabei, und das Haus im reichen Monaco belässt es bei Spesen und einer kleinen Abfindung.

50:50 als fairer Kompromiss

Auch andere, teilweise hochrenommierte Häuser zeigen sich generös. Allerdings wollen sie dies nicht publik machen. Zum einen, weil sie damit von den Vorgaben der jeweiligen Ministerien abweichen. Und zum anderen, so argwöhnen die Künstler, weil sie damit den knausrigen Kollegen vergleichbarer Theater nicht in den Rücken fallen möchten. „Mich stört es, wie uneinheitlich hier vorgegangen wird“, sagt Kränzle. „Wäre es nicht ein fairer Kompromiss, wenn der Schaden von beiden Parteien, den Veranstaltern wie den Ausübenden gleichermaßen geschultert wird? Also 50 zu 50 Prozent?“

Was bei dieser Situation hinzukommt: Die in den Vereinbarungen oft genannte Klausel von der „höheren Gewalt“  könnte sogar unwirksam sein. Darauf, so die Künstlerplattform Theapolis.de, deuten  entsprechende Grundsatzurteile hin. Die Künstler sollten daher solchen Bestimmungen und den angeblich daraus folgenden Gagen-Kürzungen keinesfalls zustimmen.

Eine vertrackte Rechtssituation also, der man im Freistaat Bayern mit einer einheitlichen Lösung begegnen will. Bislang herrschte, was die Honorare während der Corona-Krise betrifft, Wildwuchs. So hat das Staatstheater Nürnberg etwa mit seinem Förderverein eine Spendenkampagne gestartet. Der Verein steuerte eine fünfstellige Summe als Anschubfinanzierung bei. Freischaffende bekämen, so das Ziel der Kampagne, einmalig 1000 Euro.

Freistaat Bayern denkt an einheitliche Lösung

Nach Vorstellung des Freistaats soll es tatsächlich Zahlungen für abgesagte Abende geben. Das betrifft Häuser wie Nürnberg und Augsburg, die Bayerische Staatsoper, das Gärtnerplatztheater oder das Residenztheater. Wie viel die freien Künstler bekommen, steht noch nicht fest. Seit Tagen wird im Kunstministerium offenbar um eine Lösung gerungen, die finanzjuristisch unbedenklich ist. „Selbstverständlich wird in jedem einzelnen Fall sorgfältig geprüft, ob ein rechtlicher Anspruch besteht und somit eine Gagenzahlung trotz Ausfall der Vorstellung möglich ist“, teilte das Ministerium mit. „Nach dem öffentlichen Haushaltsrecht des Freistaats können Zahlungen nur erfolgen, wenn ein entsprechender Rechtsanspruch besteht. Ob diese Voraussetzung bei Gastkünstlerinnen und Gastkünstlern an den Staatstheatern gegeben ist, hängt von der jeweiligen Vertragsgestaltung ab.“

Für die Sänger und Schauspieler kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Zwar brüsten sich Länder und Bund mit ihren schon bereitgestellten Soforthilfefonds. Doch diese passen nicht zur Situation der freien Künstler. Diese haben schließlich keinen Betrieb, für den Unterhalts-, Büro- , Leasing- oder laufende Betriebsausgaben geltend gemacht werden können – sondern verkaufen sich „nur“ als Person. Lebenshaltungskosten fallen ausdrücklich nicht unter die staatlichen Regelungen. Was den Künstlern also noch bleibt, ist Hartz IV.

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