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Ihre Stimme ist ein kleiner Vulkan: Karine Ohanyan spielt die Carmen (li.) ohne Klischees – und Micaela (Sieglinde Zehetbauer) hat im Kampf um Don José (Gustavo Casanova) keine Chance.

Kritik: "Carmen" beim Chiemgauer Immling-Festival

Chiemgau - Bei der Premiere von Bizets "Carmen" beim Chiemgauer Immling-Festival ist allein die Regie aus dem Takt gekommen. Eine Kritik über ein llöchriges Regiekonzept und Klischees.

Egal ob es nun die Träume vom sonnigen Spanien sind oder doch die tragische Liebesgeschichte inklusive verklärter Zigeunerromantik. „Carmen“ ist und bleibt eine der beliebtesten Opern des Repertoires, deren Zugkraft die Intendanten weltweit zu schätzen wissen. Das will man sich natürlich auch beim Chiemgauer Opernfestival auf Gut Immling nicht nehmen lassen, wo es nun bereits die zweite Produktion des Bizet-Dauerbrenners in der immer noch jungen Geschichte der Festspiele zu bewundern gilt.

Inszeniert hat diesmal Tassilo Tesche, ein gelernter Bühnenbildner, der in den Ensembleszenen immer wieder nett anzuschauende Tableaus arrangiert. Wenn es aber darum geht, die zwischenmenschlichen Beziehungen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, verliert die Personenführung leider allzu schnell an Stringenz und rutscht in die üblichen Operngesten ab. Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass sich das löchrige Regiekonzept öfters selbst ein Bein stellt und im Vermeiden alter Klischees letzten Endes nur neue Klischees bedient.

Ein Zirkus mit Clowns, Akrobaten und Carmen als Hauptattraktion, weckt da zunächst noch Assoziationen an eine andere große Femme fatale mit dem Namen Lulu. Spätestens bei der stilisierten Marienprozession wirkt das Prinzip Hure und Heilige dann aber doch arg erzwungen und im Grunde genommen auch ein wenig überflüssig. Besonders wenn man eine so intelligent gestaltende Titelheldin wie Karine Ohanyan hat, die geschickt allen Carmen-Klischees aus dem Weg geht.

Die in Frankreich lebende Sängerin mit armenischen Wurzeln bringt dabei darstellerisch wie stimmlich alles mit, was die Rolle braucht. Ganz ohne gewollt laszive Verrenkungen baut Ohanyan auf subtile Rhetorik und die sinnliche Kraft ihres Mezzos, unter dessen samtiger Oberfläche ein kleiner Vulkan zu brodeln scheint.

Keine Frau, die sich den Männern an den Hals wirft, sondern eine, die sie schon mit kurzen Blicken zu locken versteht. Da mag sich die ungewohnt offensiv agierende Micaela (Sieglinde Zehetbauer) noch so verführerisch das Jäckchen aufreißen, der Kampf um Don José ist hier sofort entschieden. Obwohl der Held selbst in der Interpretation von Gustavo Casanova nicht allzu viel vokalen Glanz verströmt und sich ähnlich wie der stattliche Escamillo (Michael Bachtadze) in erster Linie an vokaler Kraftmeierei versucht.

Zum Glück gibt es da aber auch noch eine zweite Dame, die dem Abend ihren Stempel aufdrückt: Immlings Stamm-Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, die am Pult der Münchner Symphoniker ordentlich Gas gibt, kleine Wackler schnell ausbügelt und Bizets schmissige Schlager locker und leicht aus dem Geiste der Opéra comique heraus serviert.

Weitere Vorstellungen

bis 7. August;

Telefon 080 55/ 90 34 0.

Von Tobias Hell

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