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Kreischkrämpfe zum Abendessen: Szene mit (v.li.) Sophie von Kessel als Elisabeth, Michele Cuciuffo als Pierre und Norman Hacker als Vincent.

So war die Premiere

Kritik: „Der Vorname“ am Residenztheater

München - Dürftiges Stück mit Spitzenschauspielern: Hier lesen Sie die Premierenkritik zu „Der Vorname“ am Münchner Residenztheater.

Keine Angst. Das wird an Silvester schon voll werden und auch an den anderen Aufführungstagen. Das Residenztheater-Publikum, von manchen Aufführungen dort schwer gebeutelt, nimmt eine Boulevardgabe wie „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière nur zu bereitwillig entgegen. Man wird im Theater ja wohl noch lachen dürfen!

Das Stück, vor drei Jahren entstanden (einen erfolgreichen Film gab’s auch schon), zersägt bei einem familiären Abendessen in einer Stunde und 45 Minuten die, wie alle dachten, nicht nur familiären, sondern auch freundschaftlichen Beziehungen zu Kleinholz – ganz wörtlich. Aber hatten wir so etwas nicht schon mal? Am gleichen Haus? Da war noch Dieter Dorn am Ruder, und der machte Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“, nur dass die Personen da Fremde und keine Verwandte waren, mit vier Spitzenschauspielern zum Repertoire-Renner.

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Solche hat das Resi auch für „Der Vorname“ aufgeboten – sonst wäre die Dürftigkeit und quälende Vorhersehbarkeit des Stücks, das Yasmina Rezas Werk noch unterbietet, ärgerlich geworden. Die Sache kommt ins Rollen, als einer der Spieler, der steinreiche Vincent (Norman Hacker), den anderen mitteilt, dass er sein Kind Adolf nennen wolle. Entrüstung, Ungläubigkeit bei den anderen. Kann doch nicht sein, dass er nichts dabei findet. Wieso nicht Adolf, kontert der. Die Stimmung ist gereizt. Plötzlich packen alle aus. Jeder wirft jedem vor, was er offenbar schon lange runtergeschluckt hat. Der elegante, arrogante Uni-Professor Pierre (Michele Cuciuffo), der im Haus nicht einen Finger rührt, seine Frau Elisabeth (Sophie von Kessel), die wegen eines viel zu komplizierten asiatischen Essens kaum aus der Küche rauskommt. Dazu Anna (Friederike Ott), die künftige Kindsmutter. Macht was mit Mode und gehört einer Generation an, die sich, im Gegensatz zu Elisabeth, nichts mehr von ihrem Mann (Vincent) sagen lässt. Schließlich das charmante Weichei Claude (René Dumont), Musiker, ein guter Zuhörer, harmoniesüchtig. Er hat die Krach-Pointe.

Diese fünf, angestiftet von Stephan Rottkamp, scheinen den flotten Dialogton des nicht allzu brillanten Hin und Her zu genießen als Fingerübung, die ihnen das moderne Theater nur noch selten abverlangt, und sie beherrschen ihn alle. Robert Schweer hat die Bühne quergeteilt mit puzzleartigen Schwarzweiß-Elementen als Hintergrund.

Eine intime Zimmer-Atmosphäre (oder war die nicht gewollt?) ergab das nicht. Es schien, als müsse man wegen irgendwelcher Handwerker in einer Art Vorraum seine Gäste empfangen. Das winzige Bücherregal für den Literaturprofessor ist ein Witz. Sieht aus, als hätte Ikea ein Jugendzimmer damit ausstaffiert. Die Schauspieler müssen’s rausreißen wie auch das schwache Stück und vor allem: den Zweitaufguss. Ein Erfolg wird es trotzdem.

Weitere Vorstellungen:

13., 17. 31. Dezember,

Telefon 089/ 2185-1940

Von Beate Kayser

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