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Der Mörder und sein Verfolger: Raskolnikow (Paul Behren, li.) und Porfirij (Pascal Fligg) in einer der so inhalts- wie fintenreichen Diskussionen.

Von Christian Stückl inszeniert

Kritik: Dostojewskis "Schuld und Sühne" im Münchner Volkstheater

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München - Intendant Christian Stückl entwickelte für das Münchner Volkstheater eine Bühnenfassung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Hier lesen Sie die Kritik.

Graue Dachsparren und Holzpfosten eines Speichers, Tisch, vergammeltes Waschbecken, Kühlschrank und Bücherstapel am Boden, dahinter eine raumgroße Trommel, in der nicht Wäschestücke herumgeschleudert werden, sondern Ideen und Gefühle, und auf deren schleierdurchsichtige Wände Videofetzen von Armeen, Toten, Feldherrn, später von Gerichtssälen oder Folter projiziert werden. Stefan Hageneier hat dieses Bühnenbild für „Schuld und Sühne“ komponiert: Raskolnikows Studentenbude, Lebens-, Denk- und Diskutierraum. Und damit auch Christian Stückls Denk- und Diskutierraum. Der Intendant des Münchner Volkstheaters hat aus Fjodor Dostojewskis Roman von 1866, der Moralphilosophie mit soziopolitischer Analyse und einer Liebes- und Familiengeschichte verknüpft, eine Fassung für die Bühne erstellt. Sie hatte am Donnerstagabend Premiere (zweidreiviertel Stunden mit Pause) und funktioniert besser als zum Beispiel die von Andrea Breth bei den Salzburger Festspielen 2008.

Stückl hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu Münchens intellektuellstem, analytischstem Theatermacher entwickelt. Er gaukelt nicht Modernität vor, er ist zeitgemäß, weil er nicht an der Oberfläche bleibt. Er betreibt „sinnliche Aufklärung“, wie es Dieter Dorn formulierte. Dass in unserer Zeit der berühmte Roman Stückl reizte, ist verständlich, wird doch darin diskutiert, ob bestimmte Menschen eines „höheren“ Ziels wegen morden dürfen. Raskolnikow hat sich in solch eine Theorie hineingefiebert. Er taumelt anfangs durch die Denk-Trommel, schrubbt am Stahl eines Beils herum und versteckt es im Kühlschrank. Und im Nu wird er bedrängt von zwei Theorie-Kontrahenten, seinem humanen Freund Rasumichin und dessen Bruder, dem Untersuchungsrichter Porfirij. Das Spiel um Leben und Mord, Ethik und Übermenschentum, Liebe und Verzweiflung beginnt.

Hellwach müssen da die Schauspieler sein und hellwach die Zuschauer. Das ist ein Schlagabtausch mit Argumenten. Aber dieses theorie-lastige Sprachgewebe ist raffiniert durchwirkt von vielfältigen Gefühlsfäden, zwischen denen schon von Anfang an die Fallstricke des Ermittlers vorlugen. Pascal Fligg gibt ihn in Vierzigerjahre-Anzug und Extrem-Haartolle (Kostüme: Stefan Hageneier) als lustige Figur. Die legt ihre Frage-Köder aus, hakt nach. Fligg lässt genau dosiert durch eine fast kindische Jovialität die schlussfolgernde Schnelligkeit dieses Porfirij aufblitzen. Komödiantisch angehaucht inszeniert Stückl auch Rasumichin und den Medizinstudenten Sossimow. Jakob Geßner gestaltet den Sympathieträger herzerwärmend, während Moritz Kienemann die nicht ganz unsympathische Macho-Dumpfbacke spielt. Er verzapft ähnlich menschenverachtende Ideen wie Raskolnikow und enttarnt sie dadurch. Das ist ein Coup der Entzauberung von hochtrabenden Tötungs-Legitimierungen, den Stückl und Kienemann perfekt durchziehen. In die Kategorie Widerling, der sich freilich nie juristisch etwas zu Schulden kommen lässt, gehört außerdem der Anwalt Luschin (bisweilen zu outriert: Oliver Möller), der Raskolnikows Schwester heiraten will.

Gerade in diesen Konstellationen erzählt Dostojewski, dass es extreme Schuld gibt – die ermordete Geldverleiherin hat sie auch auf sich geladen –, die kein weltliches Gericht verfolgen kann. Und er erzählt, dass die Gesellschaft vieles als unmoralisch verurteilt, was eine Ethik der Barmherzigkeit als gut ansehen würde. Auf diesem Feld tut sich Stückls Inszenierung schwer. Durch die Figuren der Prostituierten Sonja und Raskolnikows Schwester Dunja wird das angetippt. Am unklaren Rollenaufbau von Carolin Hartmann und Magdalena Wiedenhofer merkte man jedoch, dass der Schwerpunkt der Regiearbeit hier sicher nicht lag.

Umso differenzierter und bis ins Augenbrauen-Heben ausgetüftelt haben Paul Behren und sein Regisseur ihren Raskolnikow ausgearbeitet. Es ist allein schon abendfüllend, Behren beim Spielen zuzusehen. Der lässt unmittelbar physisch den selbstzerfleischenden Kampf spüren zwischen Schuldbewusstsein und dem Versuch, es durch Übermenschen-Konstrukte abzuschütteln. Trotz Geständnisses bleibt jener Konflikt unentschieden. Das ist die ganz unauffällig daherkommende „Revolution“ dieser Inszenierung: Jetzt ist der Zuschauer dran, weiterzudenken.

Herzlicher Applaus.

"Schuld und Sühne" im Münchner Volkstheater: Die Besetzung

  • Regie: Christian Stückl.
  • Ausstattung: Stefan Hageneier. Musik: Tom Wörndl.
  • Video: Manuel Braun.
  • Darsteller: Paul Behren (Raskolnikow, Ex-Student), Pascal Fligg (Porfirij, Untersuchungsrichter), Carolin Hartmann (Sonja, Prostituierte), Jakob Geßner (Rasumichin, Student), Moritz Kienemann (Sossimow, Student der Medizin), Magdalena Wiedenhofer (Dunja, Raskolnikows Schwester), Oliver Möller (Luschin, Anwalt).

"Schuld und Sühne" im Münchner Volkstheater: Die Handlung

Raskolnikow hat sein Jurastudium geschmissen und sich von Freunden und Familie entfremdet. Er will nicht zu den Normalos gehören, sondern zu Übermenschen, die für Ideen morden „dürfen“. Um sich zu beweisen, erschlägt er mit einem Beil die Pfandleiherin Iwanowna und ihre Schwester. Seine Freunde und die Schwester ringen um den Verwirrten, der sie zurückstößt. Untersuchungsrichter Porfirij diskutiert so lange mit ihm, und Freundin Sonja mahnt so lange, bis er ein Geständnis ablegt.

Nächste Aufführungen

am 17., 20., 26., 27. Dezember und 7. Januar; Karten unter Telefon 089/ 523 46 55.

Von Simone Dattenberger

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