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Marilyn-Naivität und Kulleraugen-Laszivität: Alexandra Flood als Revue-Star Marguerite.

Gärtnerplatztheater

Kritik: "Dr. Faust jun." in der Reithalle

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Das Gärtnerplatztheater zeigt die Münchner Erstaufführung von Hervés Musikspaß „Dr. Faust jun.“ in der Reithalle. Die Kritik.

Das Wesentliche und Dauerhafte ist ja nicht das Schmachten vom Balkon herunter, egal ob zu Nachtigallen- oder Lerchengesang. Wer macht das Frühstück, wer bringt den Müll runter oder den Nachwuchs zum Computerkurs: Das sind so Fragen, an denen (ent-)scheiden sich Beziehungen, hier bricht die Realität ein in den schönen Schein des ersten Mals. Nur logisch, dass sich den Folgeabschätzungen meist die Satiren widmen. Jacques Offenbach mit „Orpheus in der Unterwelt“ zum Beispiel, 1858 war das. Und elf Jahre später der Kollege Florimond Ronger alias Hervé, der sich mit „Le petit Faust“ nicht nur der Deutschen Nationaldrama, sondern unter anderem auch dessen Veroperung von Charles Gounod vorknöpfte: weniger eine Parodie, eher eine respektlose Jonglage mit Motiven und Situationen. Hauptsache, alle fünf, sechs Minuten war eine melodienselige Nummer unterzubringen, Cancan natürlich inklusive.

Münchner Erstaufführung, für so etwas ist das Gärtnerplatzteam mittlerweile Spezialist. Man ahnt ein wenig, warum Hervés Petitesse bis zur Premiere in der Reithalle so lange nicht den Weg an die Isar gefunden hat. Für die Bizarrkomik, den subversiven, grellen Humor braucht’s wohl doch (wie bei Offenbach und auch den Filmen von Louis de Funès) das Original, die Finessen, die geschwinde Eleganz des Französischen. Einen großen Vorteil hat freilich die hiesige Version, „Dr. Faust jun.“ betitelt: Sie hütet sich vor falschen Aktualisierungen und verbaler Ranschmeiße.

Regisseur Rudolf Frey breitet, unterstützt von Ausstatter Rainer Sinell, das Geschehen auf der ganzen Breite, besonders Tiefe der Reithalle aus. Großzügigkeit strahlt das aus, zugleich Dynamik. Ein bisschen Revue mit fahrbaren Schulbänken, Federboa-Auftritt Marguerites und Dirndltanz. Ein bisschen Zirkus, für den die wunderbare Elaine Ortiz Arandes als weiblicher Mephisto/ Direktor garantiert. Sie führt vor, welche große Bühnenpersönlichkeiten es für solche Operetten braucht – und kommt anfangs à la Aufwärmprogramm bei TV-Shows ins Publikum, um sich den passenden Faust zu holen: Achtung, Randplatznutzer leben gefährlich.

Der Held stolpert in Gestalt von David Sitka ins Stück. Anfangs fahrig-verkniffen, später etwas penetrant komisch. Einer, bei dem schnell deutlich wird, dass er den Frauen die Hosen in der Beziehung quasi zwangsweise überlässt. Gegen den Schmollmund dieser Marguerite, gegen die Charaktermelange aus Divenzickigkeit, vorgegaukelter Marilyn-Naivität und Kulleraugen-Laszivität hat der promovierte Heinrich wenig Chancen: Alexandra Flood operiert (fast) auf Augenhöhe der Mephista. Und hätte Hervé seinem Valentin ein paar ausgedehntere Szenen gegönnt, Maximilian Mayer hätte mit seiner grotesken Komik womöglich den Damen den Rang abgelaufen. Koproduziert ist der Abend mit der Bayerischen Theaterakademie, die manche der Schüler-Rollen mit ihren aufgekratzten Solisten veredelt.

Gesungen und getanzt wird ausnehmend gut. Ein, zwei lange Sprechstrecken und einige ausgestellte Pointen verbremsen den ersten Teil, da ist man von Gärtnerplatz-Produktionen anderes Timing gewöhnt, doch das bessert sich nach der Pause. Immer, wenn’s abflacht, hat Hervé ohnehin das Standardrezept parat: Mit ziemlicher Sicherheit, auch etwas unmotiviert, brechen dann große Ensembles über die Handlung herein, die von Beate Vollack zu augenzwinkernden Choreografien genutzt werden.

Das Gärtnerplatzorchester spielt hinten links in einer Ballhaus-Architektur und lässt sich von Dirigent Michael Brandstätter zum stilecht funkelnden Swing animieren. Die Sänger-Stimmen kommen übers Mikro, sind gut ausgesteuert, der Text jedoch geht gern bedenklich flöten. Auch hier demonstriert ein Routinier im besten Sinne, nämlich Elaine Ortiz Arandes, wie man mit solchen Bedingungen zurechtkommt. Manchmal wirkt alles, als ob man sich an einem vergessenen Stück verdienstvoll abarbeitet, das meiste garantiert jedoch für Kurzweil. Mehr als Letzteres hatte Hervé wohl auch nicht im Sinn. Wer mehr Tiefsinn braucht, muss sich an die Werke seiner „Opfer“ wenden.

Die Besetzung

Dirigent: Michael Brandstätter. Regie: Rudolf Frey.

Choreografie: Beate Vollack. Ausstattung: Rainer Sinell. Chor: Felix Meybier.

Darsteller: David Sitka (Faust), Elaine Ortiz Arandes (Mephisto), Maximilian Mayer (Valentin), Alexandra Flood (Marguerite) u. a.

Die Handlung

Lehrer Faust hat Stress mit pubertierenden Schülern. Bevor Valentin in den Krieg zieht, gibt er seine Schwester Marguerite in Fausts Obhut. Mephisto bietet Faust Jugend und Reichtum und fordert als Preis dafür seinen Verstand. Marguerite, die später als Cancan-Star arbeitet, wittert eine gute Partie. Als Faust in der Hochzeitsnacht gesteht, er habe alles Geld aufgegeben, um ihrer würdig zu sein, verflucht sie ihn. Zu spät: Auf Mephistos „Bal infernal“ müssen sie ewig miteinander tanzen.

Weitere Aufführungen

am 19., 20., 22. und 23. Mai; Telefon 089/ 2185-1960.

Von Markus Thiel

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