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Freund Hein trachtet nach der Geliebten: Countertenor Bejun Mehta kämpft als Orfeo dagegen an.

Mozartwoche

Kritik: Glucks "Orfeo ed Euridice" in Salzburg

Salzburg - Dekor auf der Bühne, Dramatik in der Musik: hier lesen Sie die Kritik zu Glucks „Orfeo ed Euridice“ bei der Salzburger Mozartwoche.

Eine horrormäßige Heimsuchung kann er sein. Wahlweise auch ein lockendes Licht am Ende des Tunnels. Oder, wie hier, ein trainierter Beau, mit Tattoo auf nacktem Oberkörper und eng sitzender Lederjeans. Der Tod ist für Euridice keine üble Erfahrung, erotisch, lockend, lasziv – und damit ein Rivale ihres Gatten Orfeo. Warum, so fragt man sich daher, soll sie mit dem klagenden Musikus retour ins Diesseits?

Einen alten Mythos als schwüle Variante serviert Regisseur Ivan Alexandre zum Auftakt der Salzburger Mozartwoche mit Glucks „Orfeo ed Euridice“. Was Christoph Willibald mit dem Wolferl zu tun hat? Beide haben sich in Wien bei der Uraufführung just des „Orfeo“ knapp verpasst. Vor allem aber wird heuer der 300. Geburtstag des Reformators Gluck gefeiert. Grund genug für Dirigent Marc Minkowski, künstlerischer Leiter des Winterfestivals, den 80-Minüter im Haus für Mozart herauszubringen, einen Musikwissenschaftler, Journalisten und Librettisten mit wenig Opernerfahrung in den Regiestuhl zu setzen und den derzeit spannendsten Charakterkopf unter den Countertenören zu buchen.

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Es ist ein „Orfeo“-Jahr für Bejun Mehta. Jetzt Premiere bei der Mozartwoche, im Mai die nächste bei den Wiener Festwochen, zuvor kommt eine Kino-Fassung mit ihm heraus. Dass er schon eine halbe Generation weiter ist als die Jungstars um Jaroussky, Fagioli & Co., hört man, bringt aber aparte Nuancenzusätze. An dramatischer Dimension hat Mehtas Stimme gewonnen nebst Vibratoverstärkung. Herber ist sein Counter geworden, mit zunehmendem Säuregrad im Timbre, und in hoher Lage drückt er geschickt auf die Bremse: Pure Intelligenz spricht aus Mehtas Gesang, in Text- und Phrasierungsarbeit, auch im Wissen darum, was gut und was weniger geht.

Das Stück siedeln Ivan Alexandre und Ausstatter Pierre-André Weitz in einer wohlbekannten Situation an. Es ist wieder mal Theater auf dem Theater. Gestaffelte güldene Bühnenrahmen, Lampenreihe an der Rampe, stilisierte Bewegungen. Eine schicke, kühle Spielart des alten Maschinentheaters ist das, Barock 2.0 gewissermaßen. Damit eine Reminiszenz an den Komponisten. Weg vom Ornament, vom Zierrat wollte Gluck und dem überholten Barock seine pure Seelenkunst entgegensetzen. Folgerichtig wählte Minkowski die Wiener Urfassung von 1762, fast ohne Tanzeinlagen und ohne jene gern gespielten Zusätze, die Hector Berlioz später hineinoperierte.

Ein Detailfummler ist Minkowski weniger. Mit seinem Ensemble Les Musiciens du Louvre gibt er den Sturmdränger. Gluck hochenergetisch, flott und füllig, mit viel Mittelstimmengehalt. Die Unterweltchöre sind molto furioso, in Orfeos dortiger Arie – weniger im Hit „Che faró senza Euridice“ – zaubern Minkowski und Mehta Emotionen zwischen Verzweiflung, Flehen, stiller Wut und lauter Anklage. Euridice ist ständig auf der Bühne. Man wird Zeuge einer Liaison mit dem knackigen, hinzuerfundenen Freund Hein (Uli Kirsch). Camilla Tilling eröffnet das neben ihrer eher kurzen Partie ausgiebige, starke Spielmöglichkeiten. Ihr Gesang beschert dem Abend notwendige Wärmegrade. Ana Quintans als Amore ist mit flexiblem Instrumentalsopran ganz auf Alter-Musik-Linie. Dem heftig gefeierten Bejun Mehta ebenbürtig ist der Salzburger Bach-Chor, solch homogenen, genauen Ensemblegesang bekommt man in der Oper selten zu hören.

Weniger präzise Durchdringung als vielmehr poetische Beschwörung ist dieser „Orfeo“. Dass es auch um Existenzielles geht, blendet die Regie aus – Dekor siegt über Dramatik. Am Ende müsste der Tod gar nicht zum lockenden Paradies-Apfel greifen. Euridices Sündenfall mit Gevatter Tod lässt sich kaum ausbügeln, das dürfte nicht nur ihr Orfeo verstanden haben.

Informationen

Die Mozartwoche dauert bis 2. Februar, neben vielen Konzerten gibt es am 31.1. noch einen „Orfeo“; www.mozarteum.at.

Die Handlung

Orfeo beweint den Tod seiner Frau Euridice. Da erscheint Amore, der ihm freudige Nachricht bringt: Er darf in den Hades. Wenn Orfeo die Furien dort mit seinem Gesang rührt, kann er Euridice ins Diesseits mitnehmen. Voraussetzung: Orfeo darf sich beim Gang zurück nicht nach seiner Frau umdrehen. Letzteres passiert aber, Orfeo verliert Euridice ein zweites Mal. Bevor er sich töten kann, bringt ihm Amore die Gattin zurück.

Die Besetzung

Dirigent: Marc Minkowski.

Regie: Ivan Alexandre.

Ausstattung: Pierre-André Weitz.

Darsteller: Bejun Mehta, (Orfeo), Camilla Tilling (Euridice), Ana Quintans (Amore), Uli Kirsch (Tod).

Von Markus Thiel

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