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Igor Levit , hier bei einem seiner jüngsten Salzburger Konzerte. 

Igor Levits CD „Encounter“: Innenansichten

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Ein größerer Kontrast zur vorherigen Großtat mit den Beethoven-Sonaten ist kaum denkbar: Igor Levits neue CD „Encounter“

Die Eröffnung ist ein falsches Versprechen. Dieses reich figurierte, raumgreifend und triumphierend ausgebreitete Choralvorspiel „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“. Schon im nächsten Stück, einer weiteren Bach-Bearbeitung von Busoni, scheint dieses Album in sich zusammenzustürzen. Und am Ende, bei Morton Feldmans „Palais de Mari“, einem 28-minütigen Minimalismus, in dem ein einzelnes Intervall, ein sich neu streckender Ton-Abstand als stilles Ereignis gefeiert wird, ist die Ausdünnung, die Leerstellen-Dramaturgie an ihr Ziel gelangt.

Was für ein Kontrast zu Igor Levits vorangegangener CD-Großtat, der Einspielung aller Beethoven-Sonaten. Und was für ein Paradox: Während die Karriere des 33-Jährigen immer steiler verläuft, während der Wahl-Berliner immer omnipräsenter ist auf Bühnen, in Sozialen Netzwerken und Talkshows, während Plattenfirma und Agentur immer lauter trommeln, zieht sich Levit hier aufs Intimste zurück. Eine Strategie?

Sicherlich auch, aber als alleinige Erklärung zu dürftig – Levit ist viel zu sehr eigenwilliger, selbstbestimmter Künstler, der lieber Kreise ausschreitet, als jemanden oder etwas zu bedienen. Man höre nur dieses Programm: Die Bach/Busoni-Choralvorspiele werden wie selbstverständlich, selbstvergessen gespielt und sind doch in aller zartbitteren Zerbrechlichkeit kontrolliert. Kleine Wunder an Diskretion sind zu hören, Grenzgänge, Innenansichten. Während die Übermalungen von Meisterwerken wie im Falle von Händels „Messias“ durch Mozart oder Mozarts „Idomeneo“ durch Strauss rettungslos modisch bleiben, gibt Busoni den Vorlagen eine aufregend neue, noch heute gültige Dimension.

Noch nie war man Levit so nah

Levit erspürt das – und transzendiert diese Stücke, ohne alles zum Eso-Trip werden zu lassen. Ähnliches passiert in Busonis Fassungen der Brahms-Choralvorspiele. Alles auf dieser CD dreht sich ja um die menschliche Stimme. Doch Levit bleibt nicht bei Liedern ohne Worte, sondern abstrahiert viele Stücke, begreift sie als Momente absoluter, jedoch nie nur formell erfühlter Musik.

Noch einen Schritt weiter geht er bei Brahms’ „Vier ernsten Gesängen“ in einer Version Regers. Ohnehin sind diese Lieder im Original herbe Meditationen über letzte Dinge, die sich nicht leicht auf- und erschließen lassen. Levit betont noch diesen wortlosen Diskurs, ohne den Klang abzukühlen oder zu entsinnlichen. Ein kleines Kuriosum bleibt Regers „Nachtlied“, das der 15-jährige Julian Becker, Preisträger von „Jugend komponiert“, in einem schmucklos-bescheidenen Stil für Klavier arrangierte.

Gewiss gibt es auf der Doppel-CD Momente des Virtuosen oder Offensiveres wie das energisch und kantig gemeißelte Choralvorspiel „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“. Aber Levit ist in diesem Spiel mit dunklen Nuancen anderes wichtiger. Der CD-Titel „Encounter“, Begegnung, bezieht sich also stark auf den Pianisten. Sehr viel lässt er in diesen Interpretationen zu – bei keinem anderen Album war man Igor Levit so nah.

Igor Levit:
„Encounter“. Werke von Bach/Busoni, Brahms/Busoni, Brahms/Reger, Reger/Becker, Feldman (Sony).

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