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Ozzy Osbourne und Black Sabbath haben am Freitagabend den Münchner Königsplatz gerockt.

Konzert-Kritik

Ozzy und Black Sabbath auf dem Königsplatz: So war's

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München - Die wiedervereinigte Legende Black Sabbath spielt ein begeisterndes Konzert auf dem Münchner Königsplatz. Hier lesen Sie die Kritik: 

Es ist, als wären Ostern und Weihnachten zusammengefallen an diesem Freitag, den 13., mitten im Sommer. Natürlich liegt den 22 000 Zuschauern am Königsplatz nichts ferner als der Gedanke an christliche Hochfeste. Aber wie sonst soll man es deuten, wenn gestandene Endfünfziger sich in ihre verblichenen „Sabbath Bloody Sabbath“-T-Shirts gezwängt haben und nun mit tränenfeuchten Augen vor zur Bühne blicken, unruhig wie Kinder vor der Bescherung? Wenn junge Hüpfer in Schwarz mindestens genauso nervös auf der Stelle treten?

Heute ist ein Feiertag, denn Black Sabbath, die größten Satansbraten der Musikgeschichte, die unvorstellbar einflussreichen Erfinder des Heavy Metal, die dröhnenden Reiter der Apokalypse sind zurück. In (fast) Originalbesetzung. Man kann die Euphorie mit Händen greifen.

Da, die altbekannte Sirene. Der Eröffnungssong „War Pigs“ kündigt sich heulend an. Hinter einem heruntergelassenen schwarzen Vorhang krächzt der Fürst der Finsternis in derbem Birmingham-Akzent: „Let me hear you!“ In den Jubel mischt sich das brachialstmögliche Gitarren-Riff, und da kommen sie, die Stahlarbeiter unseres Vertrauens: John „Ozzy“ Osbourne, Fräse-Gitarrist Tony Iommi und Terence „Geezer“ Butler mit dem abgrundtiefen Bass. Begleitet werden sie von Schlagzeuger Tommy Clufetos, der mit seinem Vollbart und Zottelhaaren aussieht wie „das Tier“ aus der Muppet-Show und auch so Schlagzeug spielt.

Überraschung, dass die Burschen überhaupt noch leben

Was für eine Überraschung, dass die Burschen überhaupt noch leben. Gitarrist Iommi kämpft gegen Krebs. Und Ozzy? Dem durchgeknallten Sänger hätte man wohl am wenigsten zugetraut, dass er im Alter von 65 noch senkrecht steht. Zum einen kennt man die ollen Kamellen von seinen Drogenaussetzern (Fledermäusen den Kopf abgebissen, Ameisenstraßen geschnupft, Gattin gewürgt). Zum anderen hat man noch die TV-Serie „The Osbournes“ im Hinterkopf, in der ein tragikomisch überforderter Ozzy brabbelnd im Bademantel durch seine eigene Villa tapste.

Und dennoch ist das hier keine Reha-Veranstaltung, so viel ist bald klar. Black Sabbath wollen’s noch mal wissen. Im vergangenen Jahr ist ihnen mit „13“ ein ausgezeichnetes Album gelungen, von dem sie im Laufe des Abends vier Songs spielen. Und die alten Klassiker hauen sie – auch dank Drummer Clufetos – mit schon fast jugendlicher Power raus. Die weltberühmten tiefergelegten Gitarren-Melodien schleppen sich dahin wie Dinosaurier: „Under The Sun“, „N.I.B.“, „Iron Man“. Auf der Leinwand im Hintergrund läuft derweil ein eigenwilliger Bilder-Mix aus ekstatischen Heiligen, lüsternen Nonnen, explodierenden Kreuzen und Striptease-Tänzerinnen. Ein kleines bisschen Horrorshow.

Auch Lord Gaga im schwarzen Glitzerhemd hat längst gelernt, seine Dämonen in die künstlerische Inszenierung zu integrieren: „Hi!“, begrüßt Ozzy die Menge gut gelaunt. „I’m John, and I’m an alcoholic.“ Die Leute lachen. Ja ja, der Ozzy. Tippelt steif herum wie eine verlebte Diva vor der Morgentoilette, reißt ab und zu die Arme hoch, ruft „Let me see your fuckin’ beautiful hands!“, trifft nicht unbedingt jeden Ton und schüttet eimerweise Wasser über die erhitzten ersten Reihen.

Trotzdem hat man nie das Gefühl, es mit einer Witzfigur zu tun zu haben. Gemeinsam mit Iommi, der im Ledermantel würdevoll auf und ab schreitet – ein großes Kreuz vor der Brust und eine blau getönte Brille im Gesicht – umgibt Osbourne eine fast schon erhabene Aura. Dabei hilft, dass Black Sabbath längst als Helden in die Geschichte eingegangen sind. Ozzy selbst kann es kaum glauben, dass ihr musikgewordener Gruselcomic sich so lange gehalten hat. „We recorded this song fourty-fuckin’-five years ago“, kündigt er „Black Sabbath“ an, damals anno 1969 der erste Song auf der ersten LP.

Der Vollmond steht längst am Himmel, als gegen 23 Uhr auch die schönste Horrorshow ein Ende nehmen muss. Zeit für eine Zugabe, Zeit für „Paranoid“. Die Menge rastet ein letztes Mal aus. „Fuckin’ magic!“, ruft Ozzy. Und, als sei er sich bewusst, dass heute ein Feiertag gewesen ist: „God bless you all!“

Ozzy Osbourne und Black Sabbath rocken den Königsplatz

Ozzy Osbourne und Black Sabbath rocken den Königsplatz

Von Johannes Löhr

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