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Konzertante Entrücktheit dominiert das Ende von Christian Stückls Inszenierung von „Ariadne auf Naxos“: Bacchus (Johan Botha) und Ariadne (Anne Schwanewilms) auf einem roten Schiff.

Stückls gelungener Ausflug an die Alster

Hamburg - In der Oper bleibt er der Mann für Extremfälle: Mit „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss hat Christian Stückl in Hamburg einen beachtlichen Erfolg verbucht – auch wenn er (ungewollt?) die Schwächen des Werks offenlegte.

Beethovens „Fidelio“, vor allem Pfitzners „Palestrina“, als dritter Streich nun die „Ariadne“: Dankbares fühlt sich anders an. Doch wer als Dompteur der Oberammergauer Passionsspiele und des Münchner Volkstheaters taugt, der wuchtet auch solch Sperrgepäck der Operngeschichte. Das denken sich die Intendanten wohl so. Und dass er über den Zwitter des Duos Strauss/Hofmannsthal manch Verzweiflungszigarette geraucht hat, das glimmt in allen Äußerungen Christian Stückls durch.

Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer Passion, kann mit seiner Hamburger „Ariadne“-Inszenierung einen beachtlichen Erfolg verbuchen.

Die Oberammergauer Delegation, Verwandtschaft und Ex-Christus Frederik Mayet inklusive, darf trotzdem stolz wieder von der Hamburgischen Staatsoper zurückkehren: Operation leidlich gelungen. Gut, Theater auf dem Theater, diese szenische Lösung von Stefan Hageneier ist etwas abgehangen. Aber ein guter Kitt für die beiden entfernt verwandten „Ariadne“-Teile. Eine Bretterbühne, rote Sitzreihen auf der Szene (die das Parkett der Staatsoper widerspiegeln), zwei große Rahmen (eine Art Jürgen-Rose-Bühnenschachtelrest), das funktioniert.

Wenn allerdings Stückl und Hageneier die „Ariadne“ ins Heute holen, wenn der Haushofmeister (Levente Páll mit gockelndem Schmäh) ein Theaterinspizient ist und wenn der Musiklehrer (der 74-jährige Franz Grundheber: ein Phänomen an Stimmfrische und Textbehandlung) ein Agent des Komponisten sein soll, dann hätte man schon gern mehr erfahren übers Wohl, besonders Wehe des Gegenwartstheaters. Den Komponisten lässt Stückl auch im zweiten Teil das Geschehen beobachten – und zuvor meist nur frontal an der Rampe singen: Cristina Damian hat sich die hohe Mezzo-Rolle klug zurechtgelegt, für die weit ausgreifenden Vokalgesten ist ihre lyrische Stimme aber zu klein.

Ein paar Konzeptfäden hängen also lose heraus. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Humor. Die Eitelkeiten des Theaterbetriebs, die versteckten Sticheleien, das gelingt Stückl gut. Und endlich vertraut jemand aufs Spielpotenzial von Johan Botha, den andere ob seiner Physiognomie nur bewegungslos auf der Szene platzieren: So komisch war der Südafrikaner selten. Überhaupt: Wer wie Stückl in den wenigen Takten der Orchestereinleitung die Figuren stumm miteinander konfrontiert und dabei alle Charaktere sofort plausibel macht, der spielt wie nebenbei seine Regie-Kompetenz aus.

Schwieriger wird’s im Falle Zerbinettas. Zu der ist Stückl bis auf ein paar Klischees nicht so furchtbar viel eingefallen (was auch an der zu aufgekratzten, nicht ganz formatfüllenden Hayoung Lee liegt). Andere, die das tragische Potenzial ihrer Fassaden-Lustigkeit erkennen, sind da schon weiter. Ihre Commedia-Truppe ist bei Stückl/Hageneier eine Kreuzung aus Jackson Five und polnischem Beitrag zum Song Contest – was eben dabei herauskommt, wenn ein Regieteam mit der begrenzten Komik einer Vorlage zurechtkommen muss.

Überhaupt scheint’s, als habe Stückl, ungewollt oder nicht, die Brüche und Schwächen der „Ariadne“ noch betont. Wo das Opus dazu einlädt, gibt es dagegen hübsche, vielsagende Details. Am schönsten bei Ariadnes Nymphen, die als Opernpublikum dem zweiten Teil beiwohnen, die Handlung kommentieren und von der sich eine heftig mit der Heldin identifiziert.

Gegen Ende, wenn Bacchus auf rotem Schiff als Fliegender Singständer die Szene entert, zieht sich Stückl ganz zurück. Konzertante Entrücktheit statt Regie – ist vielleicht auch besser so. Anne Schwanewilms darf ganz somnambuler Sonderling sein, was nichts macht, weil ihr herber, immer etwas gefährdeter Gesang eine eigentümliche Sogkraft entwickelt. Johan Botha dagegen spielt alle Reize seines Pracht-Tenors aus: Einen solchen Bacchus muss sich Strauss einst erträumt, aber nie bekommen haben.

Simone Young, Hamburgs dirigierende Staatsopern-Chefin, liegt dieses Pathos auch deutlich besser. Für das Parlando des ersten Teils hat sie kein Rezept. Strauss’ funkelnde Einfälle liegen wie unter einer Staubschicht. Insgesamt auch klingen die Philharmoniker immer eine Spur zu belegt und fremdeln mit der Partitur. Nach der Pause wird Young dafür mit „Aufhören“-Rufen abgestraft: ein Beleg dafür, in welch vergifteter Atmosphäre die Noch-Chefin bis 2015 ihren Vertrag abdirigieren muss.

Keine Buh-Trübung dagegen für Christian Stückl und Stefan Hageneier. Der zweite Ausflug an die Alster, nach Pfitzners „Palestrina“, hat sich also gelohnt, auch wenn es nun endlich mal Normalkost sein darf. Mozarts „Così“ oder „Figaro“ vom Volkstheater-Prinzipal – schon ein verführerischer Gedanke...

von Markus Thiel

Weitere Vorstellungen am 17., 20., 23., 30. Mai sowie

6. Juni; Telefon 040/ 36 68 68.

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