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Magdalena Wiedenhofer als Stammmutter Gandhari

Premierenkritik

"Tage der Dunkelheit": Mord als Familiensache

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Premiere des Indien-Dramas "Tage der Dunkelheit" am Münchner Volkstheater.

Das Ausatmen bringt Kraft, denn die Trennung von altem Atem schafft Platz für frischen Sauerstoff. Deshalb lehrt das Pranayama, die Atemübungen im Yoga, das bewusste Ausatmen – mit einem kehligen Geräusch entströmt die Luft dem Menschen, der nun neue Energie aufnehmen kann. Doch wozu nützt er sie?

Die Befreiung des Atems ist Bezugs- und Ausgangspunkt des Abends „Tage der Dunkelheit“, der am Sonntag auf der Kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters Premiere hatte. Die gut 60 Minuten lange Inszenierung des Regisseurs Sankar Venkateswaran basiert auf dem Einakter „Urubhanga“ des indischen Dichters Bhasa. Der Text, zwischen dem fünften und zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt entstanden, ist eine Dramatisierung der Schilderung der letzten Schlacht aus dem Mahabharata, dem bekanntesten Epos Indiens.

Sankar Venkateswaran, 1979 in Indien geboren, wo er einst auch Volkstheater-Intendant Christian Stückl kennenlernte, und seine sechs Schauspieler arbeiten sehr klug mit dem Pranayama. Joe Masi hat dafür den Bühnenraum, zwei leicht ansteigende, staubige Holzplatten, mit Mikrofonen ausgestattet. Sie nehmen das zunächst kaum wahrnehmbare konzentrierte Atmen der Darsteller auf, verstärken es und schicken das Signal in Wiederholungsschleifen. Die Bewusstheit, mit der auf der Bühne geatmet wird, spiegelt sich in den Bewegungen der Darsteller. Aus dieser Achtsamkeit schöpfen die Figuren Kraft und Energie, erheben sich zur letzten Schlacht.

„Tage der Dunkelheit“ schildert nach dem eindrucksvoll entschleunigten Prolog von Magdalena Wiedenhofers Stammmutter Gandhari das Inferno eines Kampfes zweier verfeindeter Familien um den Thron. Die Pandavas und die Kauravas sind vom gleichen Blut – und können doch das Morden nicht lassen: „Was übrig blieb, war Krieg“, stellt Gandhari fest, während sie mit vorsichtigem Schritt das Schlachtfeld vermisst. Timocin Ziegler, Pascal Fligg, Jonathan Müller, Leon Pfannenmüller und Mehmet Sözer berichten nun vom Wogen der Heere, von Grausamkeiten, von Schmerzen, vom Sterben – und nur in wenigen Momenten verliert ihre Mauerschau an Spannung und Intensität.

Als der Kampf endlich entschieden zu sein scheint, mischt sich Krishna ein und stachelt den unterlegenen Herrscher an, das „Gesetz des Kampfes“ zu brechen und mit einem Regelbruch den Gegner zu bezwingen. So schickt schließlich der Höchste selbst das Töten der Menschen in die Fortsetzung. Mit seiner Gotteskritik wirkt Bhasa, über den wir heute kaum etwas wissen, überraschend zeitgenössisch.

Venkateswaran nimmt diesen Aspekt des Textes sehr ernst, schlägt den Bogen in die Gegenwart und lässt seine Schauspieler am Ende mit Blick ins Publikum feststellen: „Dieser Krieg hat eine Flut von Waisen, Witwen und Flüchtlingen hinterlassen, die hofft, diesen Ozean voll Zorn und Blut zu überwinden, um an ein Ufer des Friedens zu gelangen. Wird der Gott, in dessen Namen gekämpft wird, auch helfen, dieses Ufer zu erreichen?“ Man mag lächeln über das Pathos, die Direktheit und die Naivität, die in diesen Zeilen stecken. Man kann die Frage aber auch einfach ernst nehmen. Heftiger Applaus, Getrampel.

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