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Er ist zurück: Kai Korthals (Lars Eidinger).

Fortsetzung von " Der stille Gast"

Kritik zum "Tatort" aus Kiel: "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes"

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Kiel - Hier lesen Sie die Kritik zum "Tatort" aus Kiel: "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes", der am Sonntag in der ARD lief.

Update vom 26. Dezember 2015: Der Tukur-Tatort war von Anfang an anders. Auch "Wer bin ich?" ist wieder absolut sehenswert - wir sagen Ihnen hier, warum.

Ein Typ, der Frauen zerhackt und ihnen Babys aus dem unnarkotisierten Körper schneidet, ist kein guter Mensch. Er ist böse. Ganz und gar.

Oder?

Kann auch ein Serienmörder gute Seiten haben? Gibt es durch und durch schlechte Menschen? Und wer teilt das ein, wer setzt die Kategoriengrenzen? Es sind Fragen, die wir uns stellen müssen, bevor wir über einen Menschen urteilen. In der Fortsetzung der Kieler „Tatort“-Episode „Der stille Gast“ zwingen uns Autor Sascha Arango und Regisseurin Claudia Garde gnadenlos dazu – doch ein eindeutiges Urteil fällt schwer.

Dieser Kai Korthals mit den schönen, sanften Augen, der freundlichen Stimme, dem schüchternen Blick – eine Bestie? Lars Eidinger spielt den netten Killer von nebenan wie bereits vor drei Jahren schlichtweg brillant. Ihm gelingt es, dass dieser sehnsuchtsvolle Mann, der doch nichts anderes will, als ein normales Leben zu führen, den Zuschauer zwischen Furcht und Mitleid taumeln lässt. „Ich bin kein schlechter Mensch!“, betont er immer wieder, mit weinerlicher Stimme. Zwischen den spießbürgerlichen Ohrensesseln, unter der Kuckucksuhr. Doch dann ist es vorbei mit der Heimelei, wütend reißt er den Kuckuck aus seinem Haus, schaut in den Spiegel – und damit dem Zuschauer direkt in die Augen. Die Zähne zusammengebissen, presst er die Worte bebend hervor: „Sie glauben, Sie sind besser als ich. Dass Sie ein guter Mensch sind, ein ganz lieber Mensch, aber ich sage Ihnen mal was: Sie sind kein Stück besser als ich, Sie haben’s nur besser!“

Natürlich berechtigt eine traurige Existenz nicht dazu, andere zu quälen. Und doch liegt viel Wahres in diesem Ausspruch. Vielleicht ist es das: Schlechtes tut, wem Schlechtes widerfahren ist – von Natur aus aber sind wir alle gut?

Tatort aus Kiel: Hier stimmt alles

Selten, dass ein „Tatort“ emotional so stark berührt. Hier stimmt alles: Das exzellente Drehbuch von Grimme-Preisträger Arango, das Gruselelemente mit Psychothriller-Sprüchen („Omi, der Besuch ist da!“ – doch es gibt keine Omi, und der Besuch ist das Opfer, das bald sterben soll) und trockenem schwarzen Humor verbindet (Schladitz über die Theorie, Korthals sei die ganzen Jahre über in Kiel gewesen: „Bitte erinnern Sie sich, er hat Frauen in den Wohnungen aufgelauert und sie zerhackt – so etwas fällt auf.“).

Das ist Fernsehfilmkunst auf hohem Niveau.

Der Psychothriller lebt neben der Spannung erregenden Kameraführung (Philip Peschlow) von den großartigen Schauspielern. Während in der Vorgänger-Folge noch Brandt (Sibel Kekilli) das schwächere Glied war, gar vom Killer ihre Epilepsie-Medikamente erhielt, ist es nun Borowski (Axel Milberg), der an seinem empfindlichsten Punkt getroffen wird. Korthals, das Gespenst, das durch alle Szenen spukt, hat ihm sein Liebstes genommen – seine Verlobte Frieda Jung (Maren Eggert). Die größer werdende Sorge um sie, die sich langsam in scheinbar kopflose Panik wandelt, spielt Milberg überzeugend, niemals übertrieben und ganz und gar ausgezeichnet.

Gern wird infrage gestellt, ob das überhaupt geht – Fortsetzungen von „Tatorten“, wenn die Folgen doch zeitlich so weit auseinanderliegen. Die Kieler lösen die Herausforderung elegant: Die Kommissare erinnern sich an den Vorgängerfall im Gespräch zurück. Wer Teil eins nicht gesehen hat, versteht so trotzdem alles.

Was ist gut und was ist böse? Am Ende bleibt die Frage offen. Auch die Beziehung von Borowski und Jung. Das schreit nach einer weiteren Fortsetzung. Weil das Verrückte im Normalen doch so wunderbar gruselig ist. Und unweigerlich die Frage provoziert: Wie gut ist man selbst?

Von Katja Kraft

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