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Annette Dasch als selbstironische Diva mit Rachel Wilson (re.) und der Puppenspielerin Manuela Linshalm.

„Oberon“ bei den Münchner Opernfestspielen

Wo sind wir hier reingeraten?

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Nikolaus Habjan glückt für die Opernfestspiele Carl Maria von Webers „Oberon“ als Labor-Groteske.

München - In der Pause muss es passiert sein. Ein paar Minuten Nachdenken und Bereuen, vielleicht auch ein augenöffnendes Gespräch. Als wir jedenfalls wieder Platz genommen haben im Prinzregententheater, dauert es nicht lange, bis Oberon aussteigt. Weg von diesem Humanexperiment, von dieser üblen Kliniksituation, in der Menschen per Spritze in die Liebeslust und eine vorgegaukelte Welt gleiten. Alles mit strengen Ablaufplänen, die Klemmbretter werden von Unisex-Laboranten mit Mireille-Mathieu-Perücken ständig geschwenkt. Und dies nur, weil Oberon und Titania  nach  dem   forschen, was ihnen  selbst abhandengekommen ist. Nur: Ob Drogen das rechte Mittel sind? Die Titelfigur, derangiert und frustriert, findet: nein.

Es ist ein Kreuz mit der Liebe – und mit Carl Maria von Webers letztem Beitrag zum Musiktheater. Ein Hybrid, nicht Oper, nicht Sing-, nicht Schauspiel. Eine zusammengestückelte Struktur, mit der das Publikum 1826 am Londoner Uraufführungsort übrigens keine Probleme hatte, es war schließlich seit Purcell und seiner „Masque“ an diese Promenadenmischungen gewöhnt. Doch Weber war über solche dank „Euryanthe“ eigentlich hinaus. Und das Libretto, das James Planché auf die Vorlage von Christoph Martin Wieland gedichtet hatte, fand der schon Todkranke allenfalls suboptimal. Man kann „Oberon, König der Elfen“ gewiss in eine heutige mitteleuropäische, angeblich funktionierende Dramaturgie pressen. Man kann sich ihm mit all seinen Wucherungen aber auch stellen, so wie Österreichs aktueller Theaterliebling Nikolaus Habjan bei der zweiten Premiere der Münchner Opernfestspiele.

Der 29-jährige Operndebütant ist für seine Klappmaulpuppen berühmt, die oft stärker sind als der live-haftige Mensch. Auch hier tauchen sie auf. Als riesenhafter Weißgeist und Oberon-Doppelgänger zum Beispiel, dessen Kopf vom Feenkönig-Professor geführt wird. Oder als klassisches Buffo-Paar, Typ biestige Alte und Mümmelgreis, das einem Nestroy entschlurft sein könnte. Habjan erfindet eine Art Rahmenhandlung. Chefs dieser Versuchsanstalt sind Oberon und Titania, die Kittelträger, gesungen vom Extra-Chor der Staatsoper in sehr hörenswerter Oratorienform, bitten anfangs vier Probanden, die eigentlich ins Parkett wollten, auf die Bühne. Ihr Pech.

Was nun folgt, ist eine Groteske, die viele (der nicht gerade donnernde, gleichwohl Buh-lose Beifall zeigt’s) irritierte. Mag sein, dass im Falle dieser Bizarrerien Londoner und Österreicher eben wesensverwandt sind; die haben auch mit schwarzhumorigen Kampfszenen, in denen Puppen der Kopf abgerissen wird, keine Probleme. Den gespreizten Sprechtextton treibt Habjan in die Überzeichnung am Rande der Parodie – was doppelt gut ist, sind doch Opernsänger zu 90 Prozent für Schauspielstrecken nicht geboren. Doch hier stimmt meist das Timing. Klamauk und Slapstick sind nicht verboten. Und am schönsten ist, wie die Eigenheiten der Solisten ganz ohne Denunzieren genutzt werden.

Brenden Gunnell, der den Hüon beherzt und unter etwas viel Dampf singt, ist ganz aufgeplusterter Springball-Komiker. Julian Prégardien, dessen markanter, viriler Lyrik man eine ausgedehnte Szene gegönnt hätte, gibt den Oberon als verpeilten Forscher. Und Annette Dasch als selbstironische Diva weiß vielleicht am besten, dass sie schauspielernd stärker, prägnanter ist als in den Rezia-Nummern, die sie sich mit faserigem, nicht gut zentriertem Sopran erobern muss. Alyona Abramowa gibt die Titania mit schwerem Akzent als Domina auf der Retro-Kommandobrücke (Bühne: Jakob Brossmann). Und sobald Dienerpaar Fatime und Scherasmin alias Rachael Wilson und Johannes Kammler erscheinen, tritt der Rest vokal ohnehin ins zweite Glied.

Mit kindlichen Schau-Instinkten wird an diesem dreistündigen Abend gespielt, der in der zweiten Hälfte ins Ernste, Böse kippt. Theaterleidenschaft, die zurück zu den Wurzeln will, Bühnenfantasie und Poesie. Für Münchens Opernpublikum ist all das gerade nach dieser Saison ein ungewohntes Erlebnis. Nikolaus Habjan liegt nichts an der szenischen Garnierung – auch wenn die Aufführung eher Sandkasten- als stringentes Spiel ist. Die feine Lasur, das Feenhafte, die Sommernachtstraum-Stimmung fällt dabei unter den Tisch. Übrigens auch bei Dirigent Ivor Bolton. Der spickt Weber mit Widerhaken, lässt offensiv bis krachert musizieren, versteht Kolorit als Neonfarbauftrag. Oft staunt man darüber, dass diese hochversierte, klangbewusste Staatsorchester-Auswahl seinem diffusen Schlag folgen kann. Immerhin, das Muskelspiel passt zu Habjans Schluss. Zur Strafe gibt’s für die aufmuckenden Paare elektrische Stühle. Was Liebe nun wirklich ist, wird nicht geklärt. Als sich der Labor-Spuk verflüchtigt, taumeln Hüon und Rezia gen Rampe. Eine unausgesprochene Frage dürfte sie und Publikum beschäftigen: In welche Oberette sind wir denn hier geraten?

Weitere Aufführungen

am 24., 27. und 30. Juli; alle ausverkauft, Restkarten eventuell unter Telefon 089/ 2185-1920; die Vorstellung am 30. Juli wird im Internet unter www.staatsoper.de übertragen.

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