Kritzeleien sind oft der Anfang

- In seinen Gedichten verleiht Charles Simic dem Unspektakulären eine Aura, dem Gewöhnlichen Bedeutung, dem Alltäglichen Würde. Der Dichter und Übersetzer wurde 1938 in Belgrad geboren und wanderte 1953 mit Mutter und Bruder über Paris in die USA aus.

<P>Seit 1973 lehrt er an der Universität New Hampshire Englisch und Kreatives Schreiben. Heute erhält der Pulitzer-Preisträger in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste den Horst Bienek Preis. Zuletzt erschien von ihm "Grübelei im Rinnstein" (Hanser Verlag, 13,90 Euro). </P><P>Welche Bedeutung hat Ihre Übersetzertätigkeit für Ihre eigene Lyrik? </P><P>Simic: Übersetzen ist die eindringlichste Art, ein Gedicht zu lesen. Analytischer noch, als darüber zu schreiben oder zu lehren. Ich habe dadurch viel vom "Handwerk" gelernt, wie Symbole und Metaphern funktionieren. Vasko Popa oder die Surrealisten waren wichtig für mich. </P><P>Was regt Sie zum Dichten an? </P><P>Simic: Eine ganze Bandbreite - vom Frühstücksfernsehen bis zur Zeitungslektüre, selbst wenn sie mich ärgert. Dinge, über die ich nachdenke, wenn ich nicht schlafen kann. New York. Ich trage immer ein Notizbuch bei mir. Kritzeleien sind oft der Anfang. </P><P>Sie sagten einmal, in Ihrer Heimat wären sie im Erziehungsheim gelandet. Wie haben Sie es in den USA dann zu einem der berühmtesten Dichter gebracht? </P><P>Simic: Ich fing dort zu malen an und schrieb nebenbei. Dann stieß ich als Maler an meine Grenzen. Ich publizierte einige Gedichte in Magazinen und tastete mich Schritt für Schritt heran. Dann bot man mir eine Stelle an der Uni an. So passierte es, ganz ungeplant. </P><P>Welche Gefühle empfinden Sie heute für Ihre Heimat? </P><P>Simic: Sie meinen Nostalgie? Gar nicht. Das ist 50 Jahre her. Ich war einige Male dort, aber es ist mir fremd geworden. Ich witzelte einmal, mit einem Preisgeld würde ich mir den Traum erfüllen, zurückzukehren. Die Aufregung in serbischen Blättern war groß. </P><P>Was bedeutet Ihnen der Bienek Preis? </P><P>Simic: Es ist mir eine Ehre, in einer Reihe mit den vorherigen Preisträgern zu stehen, nach Adam Zagajewski. Horst Bienek habe ich vor Jahren auch gelesen. Ich wusste also etwas damit anzufangen und freute mich, als ich die Nachricht von dem Preis erhielt. </P><P>Das Gespräch führte Christine Diller</P>

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