Kroetz lässts krachen

- Heiligkreuzdunnerwetter, is dös a Unterhaltlichkeit", heißts im vierten Bild. Na ja, irgendwie schon. Aber in diesem tierischen Komödienschwerpunkt- Spielplan des ersten Saisondrittels mit Floh, Löwe und Wurm ist, das Wortspiel sei erlaubt, der Wurm drin. Im Residenztheater wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um aus der schlichten Wiener Volksschmonzette "Der Gwissenswurm" von Ludwig Anzengruber (1839 - 1889) ein "Bauernmusical" nach dem Zuschnitt von Franz Xaver Kroetz zu machen.

Wenn schon so ein Stück, dann hat er als Regisseur die richtige Pranke dafür. Und Kroetz langt auch hier wieder kräftig hin. Zusammen mit Bühnenbildner Stefan Hageneier präsentiert er vom Alpenglühen bis zum Gipfel- Gewitter die ganze farbenrauschige Palette herrlichsten bäuerlichen Postkarten- Kitsches. Eine Weide für die Augen. Grandios in ihrer Monströsität. Und immer versehen mit der Kroetzschen Ironie.

Da packt dieser Könner vital zu, wenn es gilt, die "Höllenfahrt" zur Kahlen Lenten zu inszenieren. Los geht’s mit zwei veritablen Kutschpferden über Stock und Stein, hinauf auf den mindestens Zweitausender, zum Berghof der alten Magdalen, der Grillhofer-Geliebten von einst, durch Blitz und Donner, durch das Rudel wilder Tiere -von Braunbär bis Wolf, durch das Geheul’ der Geister, gejagt vom feuerspeienden, zum Drachen aufgeplusterten Wurm. Die Gäule haben sich losgerissen, die Erde scheint in Aufruhr, sie schüttelt das Fuhrwerk lebensbedrohlich hin und her. Ein Staatstheater zeigt, was es zu leisten imstande ist.

Zweifellos der Höhepunkt des Abends, an dem es doch immer wieder einzelne Glanzlichter herrlichen Theaterwahnsinns gibt. Ohne den ist so ein Stück auch gar nicht zu machen. Kroetz selbst hat bekanntermaßen davon im Überfluss. Nicht aber seine Schauspieler. Den notwendigen Irrwitz hierfür bringen einzig die unschlagbare Jennifer Minetti in der kleinen Rolle der harschen Bergbäuerin Magdalen mit und Marcus Calvin.

Saukomisch gurgeln aus diesem kroetzähnlichen Hallodri dieser vertrackte Dialekt und auch schon mal ein Jodler hervor. Er schaukelt von einem Bein aufs andere, wippt mit dem ganzen Körper, als wolle er gleich abheben, rennt verliebt mit der radfahrenden Lies um die Wette, schlägt lang hin, lässt die Hosen runter -und erschrickt vor der eigenen Courage. Und das spielt Calvin alles immer so, als würde dieser Wastl gleich außer sich geraten; in seiner existenziellen Not von höchster, unagestrengter Komik. Was hier besonders hervorzuheben ist, weil das meiste an dieser Aufführung so sehr angestrengt erscheint.

Wenn sich das Bayerische Staatsschauspiel nun einmal den "Gwissenswurm" in den Kopf gesetzt hat, dann hat eine Inszenierung an diesem teuren Haus nur eine Berechtigung, indem sie in den Hauptrollen mit absoluten Protagonisten aufwartet, mit den großen Persönlichkeiten des Metiers. 

Überdimensionaler Heiland

Das nämlich würde erst den besonderen Reiz ausmachen, das würde eine zusätzliche Ebene in die einfache Geschichte bringen. Lorenz Gutmann als Grillhofer und Alfred Kleinheinz als Dusterer können hervorragend sein in der zweiten Reihe, den so genannten kleinen Rollen. Die beiden Hauptrollen des "Gwissenswurm" aber schultern sie nicht.

Und auch die Musik schafft nicht, was der Untertitel verspricht. Popige Ohrwürmer, verkrampfte Opernparodien und fiepsige Flötentöne im Mix, dazu das Singen über leidige Mikroports ergeben noch kein Musical.

Kroetz, der Regisseur, mag sich all dessen bewusst sein. Auch dass sein Weg von den einst so starken Stücken und Inszenierungen "Bauernsterben" über "Bauerntheater" nun zum "Bauernmusical" vielleicht doch ein bisschen zu flach geraten sein könnte. Und so setzt er am Schluss noch einmal kräftig eins drauf, sich quasi als Provokateur, der er einmal war, selbst zitierend: Vor dem Ende erhebt sich ein überdimensionaler Heiland über der Bühne, unter dem sich die Menschenwürmlein heftig geißeln.

Was von diesem Abend bleibt: Bühnenbild und Kostüme, die ganze kostspielige Ausstattung und die perfekte Bühnentechnik versprechen einen Heidenspaß mit diesem einfältigen Bauerndramolett unterm Kruzifix. Das wurmt.

Die Handlung:

Schlecht steht’s um den Bauern Grillhofer. Ihn freut das Dasein nicht mehr, zumal Schwager Dusterer ihm schon zu Lebzeiten den Hof abluchsen will. Er droht dem Alten mit der Hölle, falls der sich nicht bußfertig vom Besitz trenne. Nur so werde ihm die Sünde, die er einst lüstern mit der Verführung der Magd Magdalen auf sich geladen habe, vergeben. Für allerlei Turbulenzen sorgen die munteren Dienstleute Wastl und Rosl sowie die plötzlich auftauchende Horlacher-Lies, die natürlich niemand anderes ist, als die hübsche Frucht des früheren Fehltritts.

Die Besetzung:

Regie: Franz Xaver Kroetz. Bühne: Stefan Hageneier. Kostüme: Ann Poppel. Darsteller: Lorenz Gutmann (Grillhofer), Alfred Kleinheinz (Dusterer), Marcus Calvin (Wastl), Ulrike Willenbacher (Rosl), Anna Riedl (Horlacher- Lies), Robert Joseph Bartl (Leonhardt), Dietmar Saebisch (Poltner), Jennifer Minetti (sein Weib), Raffaele Bonazza (Hans), Tristan Seith (Natzl).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare