Krummer krumpeliger kleiner Finger

- Die große Folk-Lady Joan Baez gibt in Martin Scorseses Bob-Dylan-Dokumentation "No Direction Home" eine hinreißende Parodie auf den dichtenden Nuschler. Die Augenlider arrogant auf Halbmast, mit schiefer Schnute erzählt sie, was der Jungspund ihr gut 40 Jahre zuvor über die Schreibmaschine hinweg zuknurrte: "Diese ganzen Idioten da draußen erzählen laufend, wovon meine Songs handeln, dabei weiß ich das nicht einmal selbst, höhöhö."

Dylan verweigerte sich von Anfang an allen, die ihn analysieren oder vor ihren Karren spannen wollten. Er spielte nicht einmal der schmachtenden Baez zuliebe den protestsingenden Sinnstifter. Und heute schaut er zwar ab und zu mal vorbei (am 8. November im Münchner Zenith), aber er lässt dem siechen Patienten Rockmusik sicher keine Chefarztbehandlung mehr angedeihen. Auch in "No Direction Home" erfahren wir kaum etwas von ihm, das nicht schon längst bekannt wäre.

Was bleibt also, wenn der Meister mauert? Einordnung, Historisierung, Basteln am Mythos. Dies leisten neben der freilich sehenswerten Scorsese-Doku (mit besonders hörenswertem Soundtrack) derzeit zwei Bücher: "Das Bob Dylan Scrapbook" und das wieder aufgelegte "Rolling Thunder" von Sam Shepard.

Ersteres ist vor allem eins: eine überquellende Fetisch-Fundgrube. Faksimiles aller Art betören den Fan - von Zeitungsausschnitten über Promo-Poster bis zu den originalen Schmierzetteln, auf denen Dylan die Songs "Blowin' In The Wind" oder "It Ain't Me Babe" verfasste. Die informativen, aber nicht allzu tiefschürfenden Texte von Robert Santelli behandeln Dylans Jugend ab 1956 und seinen Aufstieg in New York bis zur Veröffentlichung der LP "Blonde on Blonde". Auf den Fotos erkennt man, wie der junge Mann von Jahr zu Jahr düsterer wirkt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was er alles sein soll: Genie (sowieso), Galionsfigur (Folk) und Gewissen (zumindest einer Generation). Das "Scrapbook" untermauert diese Thesen archäologisch. 1966 ist Schluss: Dylan verunglückt mit dem Moped und lässt's fürs Erste ruhig angehen.

Shepards "Rolling Thunder" setzt ein, als Dylan wieder auf dem Gipfel ist: knapp zehn Jahre später. Erschienen bereits 1977, ist das Buch nun mit neuen Vorworten und Fotos wieder aufgelegt worden. Es begleitet die "Rolling Thunder Revue", eine Veranstaltung, die als "Tournee" nur unzulänglich beschrieben ist. Bei den Zirkus-artigen Happenings standen 1975 neben dem weiß geschminkten Bob Dylan Berühmtheiten wie Joni Mitchell, Allen Ginsberg, Ringo Starr und Muhammad Ali auf der Bühne.

Die Tour sollte als Gesamtkunstwerk gefilmt werden, und Schauspieler und Autor Sam Shepard das Drehbuch dazu schreiben. Das Resultat auf Zelluloid, "Renaldo & Clara", ist weder Fisch noch Fleisch. Shepards fragmentarische Szenen und Notizen jedoch stehen auf eigenen Füßen. Die Fotos sind ausgezeichnet, der Mann kann schreiben, und er sieht genau hin.

Höhepunkt ist eine Betrachtung über Dylans Hände: "Krummer weißer krumpeliger kleiner Finger. Fingernägel wie Fangarme über Allens Harmonium gespreizt. Bleiche, ledrig gegerbte Hände, die mehr über Musik und verschlungene Wege verraten als sein Gesicht. Uralte, fast gruselige Nichtmenschenhände." Gut gemacht. Genau so bastelt man am Mythos.

Martin Scorsese: "No Direction Home" (DVD), Paramount, 17,99 Euro.

Robert Santelli: "Das Bob Dylan Scrapbook 1956 - 1966", Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 63 Seiten; 49,95 Euro.

Sam Shepard: "Rolling Thunder", Verlag S. Fischer, Frankfurt/ a. M., 141 Seiten; 19,90 Euro.

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