80 Kubikmeter Musik

BR-Symphonieorchester in Italien: - Nach umjubelten Konzerten in Turin und Florenz setzte das BR-Symphonieorchester mit Mariss Jansons seine Italientournee fort. Nächste Stationen: Neapel und Mailand.

Ausgerechnet die legendärste Spielstätte bereitet eine böse Überraschung. Wenige Stunden noch zum Konzert in der Mailänder Scala, doch die Bühne ist gähnend leer. Keine Podien, keine Stühle - nichts von der vorher vereinbarten Sitzordnung. Italienische Verhältnisse also? "Da haben wir alles einfach so notdürftig hingerotzt", formuliert es Peter Hüpping, Inspizient beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Der Laie bemerkt davon nichts. Musiker und Dirigent sind Punkt 18.45 Uhr zur Anspielprobe platziert, Hüpping, seine drei Münchner Kollegen sowie das Scala-Personal haben beste Arbeit geleistet. Gern wird ja vergessen, dass das eigentliche Furioso nicht in den Konzerten tobt, sondern dazwischen. "Wir haben 80 Kubikmeter Instrumente plus Kleiderkisten dabei", sagt Hüpping. Per Sattelzug werden die auf dieser Tournee nach Turin, Florenz, Neapel und Mailand gefahren. Der gefederte und klimatisierte Lkw ist sicherer als das Flugzeug - und billiger. Ein "fertig aufgebautes" Orchester misst 18 mal 13 Meter, Hüpping und seine Kollegen müssen dafür rund 13 Stunden täglich arbeiten, damit Strauss, Wagner und Bartók die italienischen Herzen erwärmen können.

Was beim Schlusskonzert der Italienreise auch eintritt: Die Scala beschert Musikern samt Chef Mariss Jansons einen Extra-Adrenalinstoß. Jansons ist schon in der Probe aktiver, hört noch genauer in die Akustik hinein, eilt ins hintere Parkett, dafür darf Wolfgang Gieron von den zweiten Geigen ans Pult, um Ausschnitte aus "Also sprach Zarathustra" zu dirigieren.

Irgendwann wird auch die Klimaanlage abgestellt, um den hauchzarten Übergang vom "Tristan"-Vorspiel zum Liebestod nicht zu verrauschen. Um 22 Uhr leuchtende Augen: Dies war das beste Tourneekonzert, so die (fast) einhellige Meinung - jedenfalls bis auf den Buh-Rufer, der weniger Beachtung, eher eine Behandlung verdient hätte.

Kleine Lässigkeiten im "Zarathustra" fallen kaum ins Gewicht, alle drei Stücke, vor allem Bartóks "Wunderbarer Mandarin", gelingen trotz Tourneestress mit enormem Ausdruckswillen und Intensität. Das dürfte auch der prominenteste Zuhörer registriert haben: Riccardo Chailly, Chef des Gewandhausorchesters, wird gleich gefragt, wann er mal nach München kommt - und um seine Unterschrift auf der Petitionsliste für einen Marstall-Saal gebeten. Vergessen sind da die Umstände ums Konzert tags zuvor in Neapel, besonders aber die bizarre Vorgeschichte. Denn eigentlich sollte das BR-Symphonieorchester im renommierten Teatro di San Carlo auftreten. Doch dort gastiert, so die Version des Veranstalters, die Frankfurter Produktion von Massenets "Werther", die einen Bühnenumbau unmöglich macht.

Jansons und seine Truppe werden dafür ins "Auditorio Domenico Scarlatti" am Stadtrand abgeschoben, dessen Nicht-Ambiente zwischen Aula und Studio die Musiker schockiert. Der Klang freilich ist besser als erwartet, die enthusiastische Publikumsreaktion ebenfalls. Jansons, der sich in der Probe bei den Musikern für den Saal entschuldigt, meint am Morgen danach, er würde gern wissen, was nun wirklich der Grund für die Umbuchung war. "Werther" gibt‘s nämlich erst ab 17. Mai... Also doch italienische Verhältnisse.

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