Die Küchenrolle als roter Teppich

München - In einem großen Schwall fliegt ihr alles aus dem Gesicht, was sie gegessen und getrunken hat. Durchnässt ist der Ehemann, versaut sind die Kunstkataloge, der Fußboden schwimmt, es hört und hört nicht auf. Braune Brühe und weißer Schaum. Dazwischen ihr verbal herausgestoßener Hass, ihre Empörung.

Die sich hier entladende nervöse Not dieser cool gestylten Frau ist die größte Lachnummer des Abends. Denn nicht nur, dass wir Zuschauer überrumpelt sind von diesem von Sunnyi Melles perfekt gespielten Anfall. Man staunt auch gar mächtig über den theatralen Trick und fragt sich: Wie macht sie das bloß? Ein Theaterabend, getrieben in die Komik extremer Verrücktheit, die sich aus dem Ernst der Lage ergibt: vier Menschen im Selbstbehauptungsclinch.

Sie beherrscht das Alphabet gutbürgerlicher Wohlanständigkeit und Toleranz. Sie kennt sich aus in den besseren Kreisen der Gesellschaft. Denn sie ist ein Teil davon. Mit ihren Komödien kratzt sie an der Politur des guten Benehmens, und unter den Brüchen der lackierten Oberfläche tun sich Abgründe auf. Die Französin Yasmina Reza (49) ist die Dramatikerin der Stunde. Nun ist ihr Stück "Der Gott des Gemetzels" auch in München angekommen ­ mit einer bejubelten Premiere im Residenztheater.

Regisseur Dieter Dorn zieht alle Register. Es dürfte ja auch kaum ein zweites Haus in Deutschland geben, das dieses Stück aus dem Ensemble heraus so grandios besetzen kann. Sunnyi Melles und Sibylle Canonica, Stefan Hunstein und Michael von Au ­ das ist ein Quartett, wie es sich besser nicht vorstellen lässt.

Die Spielfläche ist weit in den Zuschauerraum hineingebaut. Nach hinten wie so oft bei Jürgen Rose die offene Bühne. Ein paar Meter vor der weißen Rückwand ein Prospekt, auf den in akribischer Genauigkeit noch einmal diese Rückwand und die seitlichen Bühnenzüge gemalt sind. Eine symbolische Verkleinerung des riesigen Raums sowie ein ästhetisches Zitat zurückliegender gemeinsamer Dorn-Rose-Arbeiten.

Nur ein einziges Mal wird die Tiefe des Raumes bespielt: wenn Sibylle Canonica als Véronique endgültig ihre Beherrschung verliert und die Handtasche von Sunnyi Melles' Annette wütend nach hinten wirft. Dann stapft Melles wie ein kleines Mädchen über die Weite der Bühne, um plärrend ihre Schminkutensilien einzusammeln. Ansonsten ereignen sich die Wortgefechte ausschließlich auf der Vorbühne. Eine Szene, die, wenn die Zuschauer den Saal betreten, noch mit hellgrauem Tuch verhängt ist. Darunter harren bereits die Protagonisten.

Wenn dieser Vorhang des bürgerlichen Konsenses gelüftet wird, sehen wir in grell-helles Licht getaucht die Vier in puppenhafter Pose und in einer Blickbeziehung, die hier ehemäßig nicht ganz korrekt sein dürfte. Dann Lichtwechsel ­ und der Ringkampf beginnt.

Sie tänzeln und schlagen, sie verteidigen sich, täuschen Ruhe vor und zielen doch mit ihrem nächsten Hieb unter die Gürtellinie. Halten sich diese Menschen am Anfang unter dem Tuch noch sichtlich bedeckt, stehen sie am Ende entblößt da. Als sei ihnen das alles hier zum ersten Mal passiert. Es ist der unglücklichste Tag ihres Lebens.

Es ist der glücklichste Theaterabend dieser Saison. Ein Vergnügen, diesen Schauspielern zuzusehen. Sie sind alle fabelhaft. Schenken sich nichts. Schonung ist nicht angesagt. Vier Komödianten der Extraklasse und ihr Regisseur zeigen uns, was gutes Boulevard ist: wenn es nämlich über die bloße Pointe hinausgeht, wenn hinter Witz und Komik die Furchtbarkeit des Menschen ahnbar wird.

Herrlich Sibylle Canonica, als die vernünftelnde Friedensaktivistin und Kunstspezialistin Véronique, hinter deren reserviertem Gesicht sich mehr vermuten lässt als nur höfliche Verbindlichkeit. Diszipliniert und selbstbewusst ersetzt sie die Lebens- und Liebesenttäuschung durch Härte und blaustrümpfige Intellektualität ­ bis sie wie entfesselt besinnungslos auf Michel, ihren Ehemann, eindrischt.

Den spielt Michael von Au, der, ein heiterer Spießer mit Putzzwang, verzweifelt versucht, zwischen den Parteien auszugleichen. Eine hinreißende "Nummer", wie er gar nicht damit fertig wird, Véroniques Erbrochenes aufzuwischen und ihr schließlich mit dem Küchenpapier quasi den roten Teppich ausrollt, über den sie majestätisch ins Bad schreitet. Da ist von Au in seinem Eifer so wahnsinnig komisch wie er es auch später ist, wenn er Rum-bedingt sein Gutmenschentum ablegt und dem anarchischen Kern seiner Seele frönt.

Der Beherrschteste unter den Protagonisten ist Alain, der Anwalt, glänzend gespielt von Stefan Hunstein. Alert, distanziert, zynisch, arrogant. Ein Angeber mit operativem Geschäft zwischen Pharma-Verbrechern, Kongo-Elend und dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Nichts von dem, was in dieser Häuslichkeit abgehandelt wird, geht ihn etwas an. Er ist per Handy nur mit seinem aktuellen Fall beschäftigt. Die überlegene Blasiertheit aber, die einen Teil seiner Faszination ausmacht, verflüchtigt sich in dem Moment, da Ehefrau Annette sein Mobiltelefon in die Blumenvase wirft. Enthält es doch sein ganzes Leben.

Und nun noch einmal Sunnyi Melles. Ihre Annette ist die variantenreichste Figur des Stücks. Liebenswerte Harmlosigkeit, beleidigte Gattin, eiskalte Geschäftsfrau (angeblich Vermögensberaterin), alberne Glucke, ein Bündel Weinerlichkeit. Radikale Gefühlsumschwünge. Die Melles in ihrem Element. Komisch, clownesk, ernst und tragisch. Man muss ihren Triumph einfach erleben, mit dem sie in revolutionärer Siegerpose das Handyversenken quittiert.

Man muss überhaupt diese Aufführung gesehen haben. Muss gesehen haben, wie sich Männer verbünden gegen Frauen und Frauen sich kloppen wie kleine zickige Mädchen. Wie sie alle am Ende kleinlaut nebeneinander sitzen, so dass man sich fragt: Ob sie nicht glücklicher wären, wenn sie die Partner tauschten. Denn dass die zwischenmenschlichen Verbindungen immer wieder mal überkreuz laufen, das hebt Dorns famose Inszenierung über jede Komödie hinaus.

Weitere Vorstellungen:2., 5., 12., 18., 22. Februar.

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