Küchlein in ihren Eierschalen

- Ein Debüt der besonderen Art erlebten in einer Akademiekonzert-Matinee die Freunde des Münchner Nationaltheaters: Kurt Masur, der 75-jährige Maestro, stand erstmals am Pult des Bayerischen Staatsorchesters und feuerte die Musiker mit seiner Vitalität und seinem Temperament an. Sie begegneten seiner Kompetenz und Autorität mit erhöhter Wachsamkeit und ließen sich - an allen Pulten - von seiner zupackenden Musizierfreude anstecken. Auf dem Programm standen drei höchst unterschiedliche Werke, von denen Masur jedes zum Ereignis machte.

<P>Die Hary-Janos-Suite von Zoltan Kodaly begeisterte als prächtig kolorierter, subtil ausgeleuchteter, atmosphärisch dichter, folkloristisch grundierter Bilderbogen aus dem alten Ungarn. Herrlich, wie Masur die Geigen beschwor und dabei selbst fast zu tanzen begann, wie er Schlagzeug und Blech siegreich rasseln ließ oder Bratsche, Holz und Zimbal Raum für ihre kleinen Soli gewährte und dem hochdisziplinierten Ensemble am Ende des "Liedes" ein delikates Pianissimo entlockte. Jazz-Rhythmen gehören nicht gerade zum täglichen Brot des Opernorchesters. Gerade deshalb genossen die Musiker offenbar Gershwins "Rhapsody in Blue" vom eröffnenden Klarinettenschleifer an in all ihrer vitalen Farbpracht. Der junge türkische Pianist Fazil Say absolvierte seinen Part mit den rhythmischen Kniffligkeiten hinreißend locker _ zur großen Begeisterung des Publikums.</P><P>Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" präsentierte Kurt Masur in einer anderen als der gewohnten, mit üppigen Farben auftrumpfenden Ravel-Fassung. Sergej Gorchakovs Bearbeitung des Klavierzyklus' faszinierte gerade durch ihre sprödere, zuweilen auch schärfere Sprache. Sie klingt zweifellos russischer, in den "Katakomben" wahrhaft erdrückend, bei "Baba Yaga" roh und aggressiv, mit trockenen Schlägen im "Großen Tor von Kiew". Zum Dank für den anhaltenden Beifall ließen Dirigent und Orchester die "Küchlein in ihren Eierschalen" noch einmal vorübertrippeln.  <BR></P>

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