Kühle Analyse

- London, Paris, Lissabon, Madrid, Montpellier, Luzern, Rom, Wien, das waren die Stationen, an denen Jewgenij Kissin vor seinem Auftritt in der Münchner Philharmonie dem Publikum Beethovens Klavierkonzerte, verteilt auf jeweils zwei Abende, präsentierte. Mit wechselnden Orchestern und unterschiedlichen Dirigenten. Die meisten Aufführungen, darunter die in München, spielte er gemeinsam mit dem Gulbenkian Orchestra aus Lissabon und seinem Chefdirigenten Lawrence Foster.

<P>Am zweiten Abend standen nun die Klavierkonzerte Nummer vier und fünf auf dem Programm. Einen Tag Pause zwischen beiden Teilen gönnte sich Kissin bisher auf der gesamten Tour. Nach wie vor sind ihm Starallüren und große Gesten fremd. Sein Erscheinen auf dem Podium signalisiert sein ernstes Anliegen. Er duldet keine Ablenkung, zumal der Anfang von Beethovens viertem Konzert beispiellos ist, da es ohne Orchestervorspiel beginnt.<BR><BR>In sich gekehrt, entwickelte Kissin zärtlich das G-Dur-Hauptmotiv. Zweifellos verfügt er über eine phänomenale Technik, wunderbare Geläufigkeit und ein ungeheures Repertoire an Ausdrucksnuancen. Mit dem Flügel ist er im Dialog aufs intensivste verbunden, lyrisch beseelt ist sein inniges Spiel im Andante, und doch bleibt er zugleich kühler Analytiker. Mit spritziger Leichtigkeit besänftigt er die Furien im Rondo.<BR><BR>Das Orchester hielt sich im Hintergrund</P><P>Die merkwürdige Distanziertheit, die Kissin schon bei diesem Werk zum Orchester zeigte, blieb auch im fünften, dem Es-Dur-Konzert, bestehen, vor allem im Kopf- und im Finalsatz. Zwar fand Kissin für sich selbst die Balance zwischen klar strukturiertem, transparentem Spiel und lyrischer Empfindsamkeit, doch von geistreicher Konversation zwischen Orchester, Solist und Dirigent war nichts zu spüren. Glanz und Dramatik fehlten, und es kann nicht Aufgabe eines Orchesters sein, wenngleich es solide musizierte, nur aus dem Hintergrund und spannungslos zu agieren. Eigenartig entrückt nahm Jewgenij Kissin zum Schluss die Blumen aus dem Publikum entgegen, zeigte kein Zeichen persönlicher Anteilnahme.<BR></P><P> </P>

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