Ins Kühlfach gesteckt

- Gar nix gibt's da zu diskutieren. Nockerln, "Jedermann" und "Zauberflöte" gehören hier zum Inventar. Nockerln und "Jedermann" als Dauerkost, die salzburgerischste, mozärtlichste, festspieligste Oper überhaupt in immerhin schon neun Nachkriegsinszenierungen. Und da nächstes Jahr der große Sohn, seinerzeit der Stadt in herzlichem Hass verbunden, 250 wird und alle seine Werke fürs Musiktheater ins Programm gepresst werden, muss bereits heuer das Märchenspiel in Version zehn her.

Muss, Pflicht - als ob die Salzburger, beschwert vom eigenen Anspruch, sich zur Tradition bequemen, so wirkt auch das, was nun im Großen Festspielhaus Premiere hatte.

Edel-Routine aus dem Orchestergraben

Das Teuerste sollte her, also Riccardo Muti, der Mozart sogleich ins Kühlfach steckte: die Tempi straff gezurrt, Melos und Sängern kaum nachgebend, als ob ein großes Metronom ticktaktet, auf dass die Gastronomie Punkt 23 Uhr die Ersten zum Schampus begrüßen kann. Gestaltungslust oder lebendige Klangrede: Fehlanzeige.

Muti trieb und drängte, lieferte mit den Wiener Philharmonikern Edel-Routine und trotz genialischer Dauer-Posen eine nicht mehr als energische Kapellmeister-Arbeit, die weit hinter dem rangiert, was sonst - Harnoncourt, Minkowski, Bolton - in der Festspielstadt möglich ist. Die einzige Nummer, in der Ambition aufleuchtete (was prompt die Philharmoniker erwachen und patzen ließ), war der Männerchor "O Isis". Womöglich ein Beleg dafür, dass Maestro derzeit mehr Lust auf Oratorisches als auf Oper verspürt.

Unten also Landesliga, auf der Bühne dafür Champions League. Doch nicht alle Sänger kamen mit Mutis Korsetts zurecht. Michael Schade zum Beispiel, der einen klug kontrollierten, blendend disponierten Tamino sang, bei dem indes das Timbre nicht ganz zur Teenie-Kluft passte. Die Stimme ist noch lyrisch, hat aber an Substanz zugelegt, hätte also mehr Freiräume zum Ausschwingen benötigt. Auch Markus Werba, der als Bilderbuch-Papageno weanerischen Charme und agilen Wohllaut verströmte, wurde von Muti unsanft durchs Auftrittslied gefuchtelt, wurde erst später locker und unbekümmerter.

Was genau der Prinz und Papageno miteinander zu tun haben, wurde nicht recht klar. Regisseur Graham Vick zielte offenbar auf einen Reifungsprozess Taminos inklusive erotischem Erweckungserlebnis. Dazu treten im Kinderzimmer des Helden drei Damen aus der Tapete, präsentieren ein Pamina-Poster. Die Königin erscheint in Taminos Bett, und Papageno entsteigt dem Kleiderschrank, der hier die Tür zur Wunderwelt bietet. Doch Sarastros Sonnenblumenfeld täuscht: Er entpuppt sich als Chef im Seniorenheim und führt eine Truppe in Endzeitlaune, die unter stillem Mümmeln, tattrigem Schlurfen und Ausheben eines riesigen Erdlochs auf den Erlöser wartet. Was insofern komisch ist, da René´ Pape als Sarastro eine solche Jugendlichkeit ausstrahlt, mit solchem markantem Prachtbass singt, dass man stutzt: Moment mal, der Retter ist doch längst da.

Darstellerisch verlegt sich Pape auf bedeutungsvolles Schreiten und Schauen, wie überhaupt die gesamte Solisten-Belegschaft bei "Zauberflöten"-Stereotypen bleibt. Das ist doppelt schade, glänzt doch diese Aufführung überdies mit zwei starken Frauen. Anna-Kristiina Kaappola ist eine anfangs zu gläserne, zu verhaltene Königin der Nacht, packt dann aber in Arie Nummer zwei auf verblüffende Weise aus, was ihr jenseits des hohen "C" zur Verfügung steht.

Und manchmal scheint's auch, als könnte Genia Kühmeier die Partie gleich mit übernehmen. Die Salzburgerin ist eine Entdeckung. Ein Sopran von dunkler, charakteristischer Instrumentalfarbe, der stilistisch klug geführt ist und sich locker im Riesenhaus entfaltet. Trotz metallischer Beimischung strahlt ihr Singen eine Wärme, eine Innigkeit aus, die für Pamina ideal ist - auch wenn sich da schon eine Vitellia oder Donna Anna abzeichnet.

Franz Grundheber (Sprecher) gibt, vokal unangekränkelt, den wissenden Gutmenschen. Doch bei ihm wie auch in den übrigen Konstellationen legt Regisseur Vick lediglich Fährten aus, ohne sie weiter zu verfolgen. Zeichnet sich anfangs noch eine muntere Aktualisierung ab, so häufen sich ab der Begegnung mit Sarastro die Fragezeichen. Warum Tamino von der Greisenwelt fasziniert ist, auf was sie überhaupt zusteuert, wird nicht gezeigt. Auch deutet Vick die Gefährlichkeit des Oberpriesters lediglich an. Tyrannei im Seniorenstift? Generationenkonflikt? Oder doch alles nur die Fantasie des coolen Tamino?

Im Grunde tarnen Vick und Ausstatter Paul Brown Unausgegorenes durch eine bedeutungsvolle Szenenfolie. Was bleibt, sind einige passable Einfälle, der beste noch die "Feuer- und Wasserprobe" des hohen Paars. Tamino und Pamina werden da mit der Pistole zum russischen Roulette gezwungen. Doch dank der Flöte macht's lediglich zweimal "Klick". Und nach drei Stunden lautstark "Buh" fürs Regieteam.

An Mozarts "Zauberflöte" als süßlichem Singspiel hat sich so mancher satt gegessen, das weiß auch das Duo Vick/Brown - und bleibt auf dem Level einer modernistischen Handgelenksübung stehen. Charmelos und humorfrei, was irgendwie zur Deutung des Dirigenten passt. Obgleich man sich die Entsprechung von Musik und Szene ja eigentlich anders vorgestellt hatte.

Die Handlung

Pamina, Tochter der Königin der Nacht, ist von Sarastro entführt worden. Die Königin bittet den Prinzen Tamino, sie zu befreien. Der verliebt sich in Pamina, als er ein Bildnis von ihr sieht. Mit Hilfe des Vogelfängers Papageno dringt Tamino in Sarastros Reich ein. Tamino schlägt sich auf die Seite des Priesters, besteht - im Gegensatz zu Papageno - die Prüfungen der Priesterschaft, die ihn mit Pamina in ihren Kreis aufnimmt.

Die Besetzung

Dirigent: Riccardo Muti. Regie: Graham Vick. Bühne/ Kostüme: Paul Brown. Darsteller: René´ Pape (Sarastro), Michael Schade (Tamino), Franz Grundheber (Sprecher), Anna-Kristiina Kaappola (Königin der Nacht), Genia Kühmeier (Pamina), Edith Haller, Karine Deshayes, Ekaterina Gubanova (Die drei Damen), Markus Werba (Papageno), Martina Janková´ (Papagena), Burkhard Ulrich (Monostatos).

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