Kühn, kitschig und beschwert mit Bildungsballast

- "Indem man mir meine menschlichen Denkgewohnheiten belassen hatte, nahm man mir gleichzeitig meine menschlichen Stimmbänder und unterwarf mich der verzweifelten Suche nach unbekannten Ausdrucksmöglichkeiten. Aus einer sprachgewandten Jüdin mit nicht unerheblichem Intelligenzquotienten war eine sprachlose Hundeseele geworden."

Die Metamorphose einer jungen Frau zu einer Hündin, die als "Blondi" eingereiht wird in die Rassezucht der SS. Die Reinkarnation einer im Holocaust ermordeten Schönheit als Hitlers Lieblingshund. Es bedarf schon einer erstaunlichen Fantasie und gehörigen Portion literarischer Kühnheit, sich eine solche Geschichte auszudenken und sie zum Mittelpunkt eines Romans zu machen. <BR><BR>Der Schauspieler Michael Degen besitzt beides, also traute er sich. Gewiss ermutigt durch die positive Resonanz auf sein erstes Buch, seiner großartigen Autobiografie "Nicht alle waren Mörder". Jetzt nun begibt er sich auf die heiklen Pfade der Philosophie, Psychologie und Metaphysik, in deren Gestrüpp er sich immer wieder auch heftig verheddert. Ein schwer zu durchschreitendes Labyrinth von Gefühl und Ratio. <BR><BR>"Wir leben ewig" - so beginnt ein altes jüdisches Lied. Und so beginnt auch Degens Roman. Diese Zeile ist das Fundament, auf dem er im Folgenden seine Fantasie explodieren lässt. So erfährt die zentrale Figur des Buches nicht nur die Umwandlung in ein derart exponiertes Tier - wenngleich dies auch der traurige Höhepunkt ihrer metaphysischen Existenz ist -, sondern der Autor lässt sie sozusagen als die "Ewige Jüdin" durch die Geschichte ihres Volkes wandern und die verschiedensten Schicksale und qualvollen Tode wieder und wieder erfahren. <BR><BR>Dabei führt Degen seine Heldin wild durch Vergangenheit und Gegenwart, Länder und Jahrhunderte. Er lässt sie nach Gott suchen und verschafft ihr Begegnungen etwa mit Nebukadnezar, Heinrich Heine oder dem Rabbi Moses ben Maimon. "Es gibt keine ,kommende Welt`", weiß sie als desillusionierte alte Frau. "Es gibt nur Welten, die parallel nebeneinander herlaufen. In einer davon existiert er, der Unbewegte." <BR><BR>Degens Buch soll in seiner ausufernden Gleichzeitigkeit der Zeiten, in der er weder Kitsch noch Bildungsballast scheut, im Prinzip natürlich ein Werk über die Gegenwart sein. Durchdrungen von der skeptischen, auch ängstlichen Grundfrage nach der Möglichkeit "normalen" jüdischen Lebens in Deutschland und Österreich. Der Autor macht es sich in seiner literarischen Selbstbefragung und Wahrheitssuche nicht leicht. Er geht inhaltlich wie formal keiner Schwierigkeit aus dem Weg. Aber er bewältigt sie auch nicht. <BR><BR>Den Weg seiner "Ewigen Jüdin" lässt Michael Degen - vorläufig und nachdenklich, aber auch sonderbar makaber und konstruiert - im heutigen Wien enden, bei einer Veranstaltung junger Neonazis auf dem Heldenplatz. In Konfrontation mit den alten und neuen Vorurteilen - und einem Kettenhund zu Füßen blank geputzter Schaftstiefel. "Das große, graue Tier sah mich an und zog langsam die Lefzen hoch . . . Lange noch grübelte ich darüber nach, ob es sich um ein leichtes Lächeln oder eine Drohgebärde gehandelt hatte." <BR><BR>Michael Degen: "Blondi". <BR>Claassen Verlag, München. 494 Seiten, 23 Euro. <BR>Der Autor liest heute um 20 Uhr im Rahmen der Münchner Bücherschau im Gasteig. Karten: 089/ 53 81 81 81. <BR>

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