Kümmerin und Chief-girl

- Dieser Artikel braucht eigentlich einen offensiveren Anfang. Einen Anfang, der seine Leser ad hoc davon überzeugt, dass sich aus dem Thema Brecht und die Frauen noch irgendetwas anderes destillieren lässt als die Stereotypen von den liebessüchtigen, opferbereiten Zuarbeiterinnen, die die Firma Brecht von innen heraus stabil hielten. Diesem Anfang müsste es gelingen, mit einem Satz den dicken Trivialrost aus Mythen, Legenden und Forschungs-Fantasien zu durchbohren, um den Kern der Handlung freizulegen, den man am Ende mit dem Wort Wahrheit vielleicht noch am treffendsten zu fassen bekäme.

<P>Er könnte lauten: Sie waren begabt, und sie hatten die Wahl.</P><P>Die Geschichten dieser Frauen, die sich auf der Umlaufbahn des großen Einzelgeistes bewegten, ihn unablässig umkreisten wie einen Fixstern, diese Geschichten sind bisher immer durch die Nickelbrille der Brecht-Forschung betrachtet worden. Brecht und Weigel, Brecht und Fleißer, Brecht und Berlau - immer wurden diese Paargeschichten eingepasst in die Firmenideologie und Produktionsästhetik der auf Hochtouren arbeitenden Brecht-Fabrik.</P><P>Die Literaturhistorikerin Hiltrud Häntzschel hat in ihrer tiefreichenden Recherche die Verhältnisse umgekehrt. Die Frauen und Brecht lautet ihr Thema. Der Erkenntnisgewinn dieser materialgesättigten, unpolemischen Komplementärstudie (etwa zu John Fuegis "Brecht & Co") ist beträchtlich. Und zwar, weil sie nicht die Frage der Hörigkeit ins Zentrum stellt, sondern die der Begabungen, der Denkchancen und weiblichen Souveränität.</P><P>Sie waren begabt, und sie hatten die Wahl</P><P>Er nannte sie Fleißerin, Kümmerin, Chief-girl oder alter Muck. Koseworte in einem komplizierten, verschachtelten Strategiespiel, dessen Regeln und Rangordnungen allein der Dichter festgelegt hatte. Er schrieb ihnen Du-Briefe oder Sie-Briefe. Je nachdem, ob er Nähe suchte, oder ob er gerade wieder eine auf Abstand bringen musste, weil die nächste ihm schon den Nacken küsste, nachdem sie ihm ein Visum besorgt hatte, ein billiges Hotel gebucht, einen Text ins Reine geschrieben, ein Kind geboren oder auf der Bühne einen Karren aus dem Dreck gezogen. Wie Revuegirls ließ er sie antanzen und abtreten. Je nachdem, wie es ihm gerade ums Herz war. </P><P>Die Autorin hat sich in eine intime Nähe zu diesen Frauen begeben - ohne dabei die soziale Desorganisation der Zwischenkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit aus dem Auge zu verlieren. Sie hat ihre Kalender ausgewertet, ihre persönlichen Journale, Briefe, Abtreibungsprotokolle und vor allem ihre literarischen Zeugnisse - auf die bisher nie ein klarer, kritischer Blick gefallen war. Und nach allem, was in diesem Buch über die Frauen, ihre Lebensbewegungen, Liebes- und Leidenskarrieren zu erfahren ist, muss man sagen: Sie hatten die Wahl.</P><P>Dass sie sich immer wieder zur Nachrangigkeit des eigenen Lebenswerkes entschlossen haben, ist nicht Brechts Vergehen, ist nicht allein seinem Machtinstinkt und seiner Promiskuität anzudichten. Dass er privat und öffentlich seinen Nutzen aus dem "erotischen, literarischen und ökonomischen Kapital" der Frauen zu ziehen wusste, ist hinlänglich bekannt. Dass er die künstlerische Selbstermächtigung seiner Mitarbeiterinnen vereitelt hätte, dafür gibt es keinen Anhaltspunkt.</P><P>Im Gegenteil: er hat Begabungen freigelegt und für eine öffentliche Plattform gesorgt, wann immer er die Möglichkeit dazu hatte. Beispiel Fleißer. Die Jeremiaden der Marieluise Fleißer hat die Literaturgeschichte lange auf das Brecht-Konto gebucht. Häntzschel weist nach, wie sehr sich im Werke der Ingolstädterin Lebenserzählung und Schreibprojekt überlagern. Und wie stark die Begegnung mit Brecht letztlich die literarische Eigenständigkeit der Fleißer befördert hat. Der Mythos vom Zerstörungswerk an einer fragilen Existenz, dieser Mythos zerschellt hier endgültig an der tatsächlichen Chronologie der Ereignisse.</P><P>Festzuhalten gilt: Allein der Fleißer gelang es, sich aus eigener Kraft vom Brecht-Kollektiv zu entfernen und Vertrauenszonen von Regionen des Misstrauens abzugrenzen. Wohl auch, weil ihre literarische Begabung eigenständiger, kraftvoller, widerspenstiger war als etwa bei Elisabeth Hauptmann und Margarete Steffin. "Der Anteil der Arbeit von Brechts Geliebten an seinem Werk in allen Stadien seiner Genese kann wohl kaum zu hoch veranschlagt werden." Wobei die eigentliche Überraschung weniger in der Quantität steckt, als vielmehr in der Qualität und Kompetenz ihrer Arbeit.</P><P>Der Essay über Elisabeth Hauptmann wirft ein Licht auf das intellektuelle Niveau und die prägende Kraft dieser Mit-Arbeit. Abgesehen davon, dass Sie den Alltag des Dichters organisierte, bei Verlagen die Tantiemen verhandelte, Übersetzungen anfertigte und Korrekturen vornahm, war sie so etwas wie ein personifizierter Ausschnittdienst. Sie wertete die amerikanische Presse aus.</P><P>Mit sicherem Gespür und intakter Neugierde lancierte sie dem Dichter Themen, Typen, Trends, Schlager und Sprachschablonen, eben jene Rohstoffe für die Ikonen einer neuen Zeit, die in "Mann ist Mann", in der "Dreigroschenoper" oder in "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" über die Bühne der Weimarer Republik tobten. Auch wenn ihre Autorenschaft zum Kleingedruckten gehört, an der Signatur und dem Wortlaut dieser Theaterepoche hat Elisabeth Hauptmann maßgeblich mitgeschrieben. Die gesammelten Irrtümer in der literarischen Umgebung Brechts sind verheerend. Das vorliegende Buch erhellt dieses diffuse Szenario wie ein Blitz. </P><P>Hiltrud Häntzschel: "Brechts Frauen". Rowohlt Verlag, Reinbek. 314 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 19,90 Euro. <BR><BR></P>

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