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„Als Garnierung kommt die Kultur gerade recht“ - wie hier für schöne Schnappschüsse zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele.

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Künstler gegen die Wortlosigkeit der Politik: „Wir wollen spielen“

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  • Katja Kraft
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Das Wort „Kultur“ kam bei den Pressekonferenzen von Merkel und Söder nicht vor. Die verärgerte Szene fordert nun auch hier flexible Ausstiegsszenarien.

Alles fällt offenbar darunter. Das kleine Kino um die Ecke, das Open Air von Andreas Gabalier im Olympiastadion, die „Zauberflöte“ im Gärtnerplatztheater, der „Faust“ auf unzähligen Schauspielbühnen. Oder etwa doch nicht? Seitdem in der vergangenen Woche Entscheidungsträger wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die gesamte Kulturszene unter das Gummiparagrafen-Wort der „Großveranstaltungen“ gezwängt haben, die bis Ende August verboten seien, ist die Empörung groß – und ebenso die Ratlosigkeit.

Den Begriff „Kultur“ haben Merkel und Söder in ihren Pressekonferenzen nicht in den Mund genommen. Mehr als ärgerlich, wie viele finden, und Dokument einer ideenlosen Vereinfachung. Denn während im Wirtschaftsbereich detaillierte Konzepte entwickelt wurden, wie etwa das Einzelhandelsgeschäft wieder hochgefahren werden kann, wird Vergleichbares den kulturellen Institutionen vorenthalten. Die Schließung der Theater werde „mit einem lapidaren Satz einfach verhängt, ohne dass man auf der anderen Seite darauf hinweist, dass die Künste Lebensmittel sind“, beklagt Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, im Deutschlandradio.

„Wir sind der Politik egal“

„Mir ist nach den Pressekonferenzen klar geworden, wie egal wir der Politik eigentlich sind“, sagt Michael Well, früher Mitglied der Biermösl Blosn und jetzt der Well-Brüder, unserer Zeitung. „Die Politiker rufen uns, wenn sie uns brauchen, dann kommen wir als Garnierung gerade recht.“ Bis zur vergangenen Woche, so Well, sei er eher optimistisch gewesen, nun mache sich das Gefühl von Resignation breit. 1000 Euro pro Monat, wie gerade von Söder verkündet, das sei „erst mal ein Anfang“. Well machte deutlich, dass die freien Künstler zu flexiblen Veranstaltungsmodellen mehr als bereit seien. „Die Leute wollen doch spielen, wurscht wie.“

Eben dies ist der Hauptvorwurf aus der Kulturszene: Auf das Angebot von flexiblen Lösungen wird von den politischen Entscheidungsträgern gar nicht eingegangen. Dabei werden von den Kulturinstitutionen genügend Ideen entwickelt. André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg, meint zum Beispiel, es gebe in den Theatern „viel Kompetenz zur Erarbeitung von Modellen für einen angepassten Vorstellungsbetrieb“. In einem Facebook-Beitrag zählt er „intelligentes Einlassmanagement“ oder spezielle Saalpläne auf.

Wie berichtet, wollen die Münchner Kammerspiele ihre virtuelle Kammer 4 bis zum Ende der Saison am 24. Juli weiterführen; heute steht um 18 Uhr die Live-Cam-Premiere von Toshiki Okadas „No Sex“ auf dem Online-Spielplan. Darüber hinaus prüft man weitere Formate: „Wenn wir im Internet kein Theater machen dürfen, gehen wir auf die Balkone“, sagt Intendant Matthias Lilienthal.

Maßnahmen wie im Einzelhandel denkbar

Im Münchner Literaturhaus denkt man ebenfalls darüber nach, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Schreibwerkstätten finden jetzt als „Webinare“ statt – die ersten drei sind bereits ausverkauft, weitere Programme sind in der Diskussion. Wie alle Kultureinrichtungen bleibt das Haus am Salvatorplatz bis einschließlich 3. Mai geschlossen. Vorerst. Veranstaltungen für die Zeit danach werden auf der Homepage zwar angekündigt, allerdings ruht der Vorverkauf. „Die Eröffnung unserer neuen Ausstellung ,Thomas Mann: Democray will win!‘ ist derzeit für den 15. Mai geplant“, erklärt Literaturhaus-Chefin Tanja Graf und ergänzt: „Vorbehaltlich weiterer Entscheidungen der Bundes- und der Landesregierung.“ Sollte die Schau tatsächlich eröffnet werden, wird sich das Publikum auf Einlasskontrollen, Maskenpflicht und Schutzvorrichtungen an der Kasse einstellen müssen: Alles Vorkehrungen, die aus dem Einzelhandel bekannt sind. Eine besondere Herausforderung an das Team stellen indes die Lesungen dar: Zwar lässt sich der Saal mit Sicherheitsabstand locker bestuhlen. Doch für Einlass, Aufzug, Garderobe müssten gesonderte Konzepte her.

„Unsere Musiker brennen darauf, wieder vor einem Live-Publikum auftreten zu können“, sagt Nikolaus Pont, Manager des BR-Symphonieorchesters. „Man könnte zum Beispiel daran denken, ein Kammerkonzert aus dem kleinen Max-Joseph-Saal in den größeren Herkulessaal zu verlegen. Doch wir brauchen für solche Lösungen möglichst schnell Richtlinien, damit eine seriöse und künstlerisch befriedigende Planung möglich ist. Und dies nicht nur von der Politik, sondern auch von den lokalen Behörden. Gilt die 1,5 Meter-Abstandsregel auch für Musiker auf der Bühne oder muss es, je nach Instrument, mehr sein?“

Spezielle Hygieneregeln und Reihen sperren

Ähnliches hört man von den Münchner Philharmonikern. Derzeit werde ein Hygienekonzept entwickelt und geprüft, wie viele Musiker auf die Gasteig-Bühne und wie viele Besucher in den Saal dürfen. „Wir empfinden das als kreative Aufgabe“, sagt Intendant Paul Müller. „Auch die Suche nach dem dazu passenden Repertoire. Wir wollen unbedingt spielen.“

Auch für die Münchner Kinobetreiber bedeute die Situation einen „unfassbaren Einschnitt“, sagt Justine Kirschner, Leiterin der Astor Film Lounge im Arri. Grundsätzlich habe man sich schon Anfang März den Vorgaben entsprechend aufgestellt und teilweise Reihen sowie Zwischensitze gesperrt, darüber hinaus seien Hygieneregeln intensiviert worden. „Auf dieser Linie haben wir weitergehende Pläne erarbeitet, um das Kino auf eine baldige Wiedereröffnung vorzubereiten“, so Kirschner. „Wir sehen mit unserem Konzept bereits jetzt die Möglichkeit, einen sicheren Kinobesuch zu ermöglichen. Volle Foyers verhindern wir beispielsweise mit Service am Platz.“ Man sehne sich schließlich nach sicherer Unterhaltung „außerhalb der eigenen, immer enger erscheinenden vier Wände“.

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