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Vorwürfe gegen Gustav Kuhn: Erl ohne König?

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Von: Markus Thiel

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Gustav Kuhn ist bis zur Klärung der Vorwürfe derzeit beurlaubt. © Foto: Tom Benz

Nachdem neue Vorwürfe gegen Gustav Kuhn laut geworden sind, geben nun einige Künstler Ehrenerklärungen für ihn ab. Ob der Umstrittene wieder in Erl dirigieren wird, ist allerdings offen.

Erl - Ob er jemals wieder ans Pult tritt, das wagen nicht einmal mehr Insider zu sagen. Gustav Kuhn, bis auf Weiteres suspendierter Künstlerischer Leiter der Tiroler Festspiele, sieht sich in diesen Tagen immer neuen Anschuldigungen ausgesetzt. Es wird knapp. Die Erntedanktage in Erl wurden wie berichtet abgesagt, am 16. Dezember startet das Winterfestival, bei dem Kuhn wie immer die Hauptrolle übernehmen soll – am Pult und im Regiestuhl. Da dürfte Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) mit ihrer Bemerkung Alarmstufe Dunkelrot ausgelöst haben: Sie gehe nicht davon aus, dass es in den Ermittlungen wegen möglicher sexueller Übergriffe und eventueller finanzieller Mauscheleien bis Weihnachten ein Ergebnis gebe.

Im Inntal-Dorf fühlen sich unterdessen einige zu Unrecht ins Zwielicht gerückt. Am Freitag gaben Künstler und andere Beschäftigte in einer Pressekonferenz Ehrenerklärungen für Kuhn ab. Der Tenor: Man fühle sich diffamiert, beschimpft, auch von Kuhn-Widersachern manipuliert oder unter Druck gesetzt. Die „Vorverurteilung Gustav Kuhns“, sagte Sänger Ferdinand von Bothmer, und die Absetzung stehe „im Widerspruch zu den Grundsätzen des Rechtsstaats“. Karin Mischl, Klarinettistin im Festspielorchester, könne es sich „ganz, ganz schwer vorstellen, dass es hier sexuelle Gewalt gibt“. Das entspreche nicht der Person Kuhn, die sie in Erl kennenlernen durfte.

„Wenn er uns anschreit, gibt es einen Grund“

Dass Kuhn einen lautstarken Umgangston pflege, bestätigte Chorist Dzmitry Klachko, aber: „Wenn er uns anschreit, gibt es dafür einen Grund.“ Cellist Antonio Mostacci lehnte sich sehr weit aus dem Fenster: Die Aussagen einiger Frauen seien „falsch“ und hätten „keinerlei Grundlage“. Auf Nachfrage, ob sie damit ihre Kollegen der Lüge bezichtigen, ruderten die Künstler zurück: Nun stehe eben Aussage gegen Aussage.

Erl ohne König, das hat auch schon Andreas Leisner in Erwägung gezogen. Bis vor Kurzem war er Kuhns Stellvertreter, jetzt führt er die Festspiele als Interims-Leiter. „Natürlich habe ich einen Plan B, den werde ich aber nicht allen aufs Brot schmieren, weil es dann heißt, der Kuhn ist obsolet.“ Hintergrund: Seit einiger Zeit dürfen in Erl auch andere Dirigenten ans Pult, darunter Leisner selbst. Umbesetzungen dürften also gar nicht so kompliziert sein.

Kritik am Stiftungsrat der Festspiele

Leisner übte zudem Kritik am Stiftungsrat der Festspiele, obwohl er ihm de jure unterstellt ist: Das Gremium habe Kuhn „in dieser schwammigen Lage viel zu früh abgesetzt“. Was die jüngsten Vorwürfe gegen Kuhn betrifft, ging Leisner sogar einen Schritt weiter: Möglicherweise sei Geld im Spiel gewesen, um an die Aussagen zu kommen. Er kündigte in diesem Zusammenhang den Gang zur Staatsanwaltschaft an. Warum der zweite Mann neben Kuhn so erbost ist: Vor einigen Tagen hatten Sängerinnen und ehemalige Kuhn-Mitarbeiter im österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ detailliert von ihren angeblichen schlimmen Erfahrungen berichtet. Darunter sind die Mezzosopranistin Julia Oesch, die Sopranistin Manuela Dumfart, der frühere Marketing-Mann Christoph Ziermann und der langjährige Bühnenbildner Kuhns, Jan Hax Halama. Zusätzlich gibt es noch einen offenen Brief. Alles Vorwürfe und Berichte, die – sollten sie sich bewahrheiten – das Modell Erl zusammenbrechen lassen könnten.

Dabei dreht es sich bekanntlich nicht allein um Schlüpfriges und mögliche Gewalt: Rund 100 Strafverfahren gegen die Festspiele sind anhängig, bei denen es um den Verdacht der illegalen Beschäftigung von Ausländern und um nicht bezahlte Sozialabgaben geht. Nicht auszuschließen also, dass bald nicht nur Kuhn allein im Feuer steht, sondern auch andere Mitglieder der Festival-Organisation, womöglich sogar der schwerreiche Mäzen und Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner.

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