Der Künstler muss die Wahrheit lügen

- Die "Her- und Hinrichtung" findet jetzt - nicht beim Schichtl, aber auch nicht mehr im Cuvilliéstheater, sondern im wiedereröffneten Münchner Marstall statt. Herr Z. Kasperl alias Herzkasperl alias Jörg Hube trauert dem Rokoko-Schrein beim ersten Auftritt am Donnerstagabend in dem düsteren, nüchternen Raum gehörig nach; strickt sogleich um seine Vertreibung aus dem Gefilde der goldenen Rocaillen und putzigen Putten eine Verschwörungstheorie: Die Staatsregierung, "die andern, die mehran" restaurieren das alte Hoftheater nur, um ihn, den Aufmüpfigen, daraus verbannen zu können.

<P>Doch im Verlauf der drei Stunden merkt der Schauspieler Jörg Hube, der die fiktive Figur Jörg Hube surreal flackernd zwischen Realität und Verfremdung spielt, dass er im Marstall die Zuschauer ganz anders packen kann als auf der hübschen Guckkastenbühne (Premiere dort Januar 2003). </P><P>Es wird schon mal ein Kaugummi konfisziert, und der Oberlehrer Kasperl Hube kann sich beim Publikum-Ausfragen richtig austoben. Er wird nach und nach warm mit dieser Halle, aalt sich schließlich in der Unmittelbarkeit. Das genießen zugleich seine Zuschauer, die sich am liebsten eine Zugabe erklatscht hätten und mit clownesken Geckerln verabschiedet werden. </P><P>Durch die Raumintimität kommen auch der vom Herzkasperl angenervte Engel mit der Trompete (Franziska Ott) und der trotzige Schauspieler-Feuerwehrmann (Philipp Wirz) besser zur Geltung.</P><P>Natürlich geht in erster Linie Hubes Suada mit Gesang über das Schauspieler- und Menschsein, über Theater- und Kasperlgeschichte, über Politik (wenn Israel in Bayern läge, wären die Gebirgsschützen die Hamas) und "asoziale Marktwirtschaft" unter die Haut. Menschheitsbeglücker, Göttererschütterer Prometheus wird zur Leitfigur: Das Kasperl-Larifari-Marionetterl ist jedoch die Wirklichkeit des Schauspielers. </P><P>Der hängt nicht nur an den Fäden der Intendanz. Und wer lässt sich schon gern an den Fels schmieden, zur Strafe - selbst wenn's die Benedikten- oder Kampenwand ist. "Wenn i jung waar, daad i nimmer ans Theater gehn", sagt Jörg Hube. Aber auch: "In der Kunst muss der Künstler die Wahrheit lügen."</P><P>Weitere Vorstellungen: 8., 10., 13. März. <BR><BR></P>

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