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Der hohe Herr als Musensohn: Franz Ludwig Catel malte Kronprinz Ludwig (2. v. li.) in der Spanischen Weinschänke zu Rom.

Ausstellung in der neuen Pinakothek

Künstler rücken sich ins Bild: Vorform des "Selfies"

München - Die Neue Pinakothek zeigt, wie sich Künstler sehen wollten – eine Vorform des „Selfies“ aus der Romantik.

So sah königlich bayerische Propaganda im Jahre 1824 aus: Kronprinz Ludwig, der spätere Ludwig I., lässt sich’s in einer römischen Schänke in feuchtfröhlicher Künstlerrunde gut gehen. Die Botschaft dieses Gemäldes von Franz Ludwig Catel ist so deutlich, als hätte es ein PR-Berater von heute konzipiert: Es zeigt den hohen Herrn als Musensohn, und die entspannte Begegnung des Monarchen mit den Malern stellt sich als „Win-Win-Situation“ dar. Indem er sich zu ihnen gesellt, erhebt er die Künstler in fast aristokratische Höhe, während der Prinz umgekehrt von der Aura des Guten, Wahren, Schönen profitiert, mit der ihn seine Kunst-Nähe umstrahlt.

Das Bild verkündet also, wie der spätere König gesehen werden wollte, es bastelt sozusagen an seinem Image, an der „Marke“ Ludwig I. – aber auch am Bild der Künstler von sich und ihrer gesellschaftlichen Stellung in Fürstennähe. Dieser Funktion der Selbststilisierung (und Selbstvergewisserung), die „Selfies“ von Künstlern schon seit Dürer und Rembrandt haben, widmet sich eine sehenswerte Ausstellung in der Münchner Neuen Pinakothek.

„KünstlerBilder. Inszenierung und Tradition“ heißt die Schau, die aus der Geldnot des Museums eine Tugend macht, indem sie – abgesehen von einigen Leihgaben der Staatlichen Graphischen Sammlung – ganz aus eigenen Beständen der Staatsgemäldesammlungen bestückt ist. Also mit alten Bekannten wie etwa Cezannes Selbstbildnis (um 1880), in dem sich der Künstler so ähnlich malt wie sonst den Mont St. Victoire: als erratischen, unverrückbaren Block. Ganz anders das locker hingefetzte Gemälde Manets von 1874, das seinen Impressionisten-Kollegen Monet beim Malen auf dessen Atelierboot zeigt.

Daneben wurden auch etliche Bilder aus dem Depot geholt. Werke, die aufgrund ihrer ästhetischen Zweitrangigkeit sonst zurecht dort schlummern, aber im Kontext dieser sozialgeschichtlich ausgerichteten Schau aufschlussreich sein können. Demonstrieren sie doch, wie beispielsweise Lenbach, Marées, Karl Rahl oder Karl Haider sich im Stil „geheiligter“ Altmeister, etwa Rembrandts oder Tizians, porträtieren. Indem sie sich damit einer akkreditierten Traditionslinie einfügen, bemühen sie sich um Legitimierung des eigenen Standes: durch einen Abglanz der Autorität anerkannter Maler-Heroen.

Die Ausstellung beschränkt sich auf Werke aus dem 19. Jahrhundert, das den Künstler zwischen den Rollen-Polen des verehrten Genies und des idealistischen Hungerleiders ansiedelt – mit mannigfachen Abstufungen dazwischen. Da gibt es ein Gemeinschaftswerk (um 1888) der Malerfreunde Johann Sperl und Wilhelm Leibl, wo sie sich als kernige Naturburschen mit Trachtenhut bei der Rebhuhn-Jagd darstellen, fernab aller Klischees vom langhaarigen Bohémien. Und in seinem großartigen Porträt des Malers Carl Schuch zeigt Wilhelm Leibl den Kollegen gar als hocheleganten Bürger, den allenfalls der auffällige Hut noch als Künstler kennzeichnet. Die Attitüde des weltläufigen Herren wird hier aber nicht bloß durch den schwarzen Frack und den herablassend-souveränen Gesichtsausdruck des Dargestellten betont, sondern vor allem durch eine impressionistisch-lockere Malweise, die 1876, als das Bild entstand, von mondäner Offenheit kündet, ja geradezu Signalwirkung hat.

Dass das Gemälde ein absolutes Gourmet-Stück für Kenner und Insider ist, zeigt der Kontrast zwischen den flüchtig hingepinselten Accessoires und der ungeheuren Delikatesse des Inkarnats, hier der Gesichtspartie, wo Leibl seine Virtuosität geradezu genüsslich vorführt. Es sind also gar nicht so sehr äußerliche Merkmale, als vielmehr der exklusive Gestus elitären Artistentums, mit dem der Maler (bezeichnenderweise im Porträt eines Kollegen) den sozialen Rang des Künstlers beschreibt – oder zumindest einfordert: Gerade in derart ostentativem Selbstbewusstsein mag immer noch ein Funke der Unsicherheit nisten.

Betont bodenständig und bescheiden gibt sich dagegen Fritz von Uhde: Als kleine, halb verdeckte Rückenfigur im Mittelgrund sieht man da den Maler an seiner Staffelei werkeln (1883). Groß im Vordergrund der ländlichen Garten-Szenerie hingegen seine Gattin, auf einem Stuhl Zeitung lesend, während die herzigen Kindlein auf einer Decke im Gras sitzen, das links hinten von einer Schar glücklicher Hühner durchstreift wird. Schwer zu sagen, ob leise Ironie mitschwingt in diesem Sommerfrische-Idyll, das den Künstler als Kleinbürger vorstellt, der sich bei artgerechter Freilandhaltung wohlfühlt.

Alexander Altmann

Bis 8. Juni täglich außer Di. 10 bis 18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr;

Telefon 089/ 23 80 51 95

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