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Sie vertreten Stars wie Lang Lang und Christian Gerhaher: Lothar Schacke, Elisabeth Ehlers und Verena Vetter (re.).

KULTUR-LOCKDOWN

Künstleragenturen in der Krise: Arbeit ohne Gewinn

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Künstleragenturen kämpfen um Ausfallhonorare für ihre Sänger und stehen im Kultur-Lockdown doch selbst am Abgrund.

München - Sie sind irgendwie vergessen worden von der Öffentlichkeit. Dabei haben sie eine unverzichtbare Scharnierfunktion zwischen Künstler und Veranstalter: Ebenso wie die Sänger, Dirigenten und Schauspieler sind die Künstleragenturen derzeit durch die Absage-Orgie in ihrer Existenz bedroht. Keine Gage, keine Provision – und damit keine Betriebseinnahmen.

Doch nur Einzelkämpfer sein und um Rechte und Ausfallhonorare für die eigenen Künstler kämpfen, das ist zu wenig, wie diese Unternehmen gerade feststellen. „Es wird Zeit, dass wir Agenturen uns zusammentun und an die fatale Lage unserer Schützlinge erinnern“, sagt Verena Vetter vom Künstlersekretariat am Gasteig. Mit Lothar Schacke und Elisabeth Ehlers vertritt sie Stars wie den Dirigenten Herbert Blomstedt, den Pianisten Lang Lang, Sopranistin Christiane Karg und Bariton Christian Gerhaher.

Durch das gängige Bezahlmodell ist auch diese Agentur in eine fatale Situation geraten: Im Grunde gehen diese Künstlervertreter in eine Vorleistung, indem sie Verträge vermitteln und die umfangreiche Logistik wie Reisen und Hotels organisieren. Platzt der Solistentermin, waren diese Anstrengungen auch finanziell gesehen vergeblich. Hinzu kommt, dass das Künstlersekretariat gerade für Termine in drei bis vier Jahren plant, die laufenden Kosten für die acht Mitarbeiter aber nicht mit aktuellen Einnahmen abdecken kann. „Die schwarze Panik“ packe sie immer wieder, gesteht Verena Vetter.

„Höhere Gewalt“ zählt nicht mehr

Ein gemeinsamer Vorstoß mit leidtragenden Kollegen könne, so glaubt man beim Künstlersekretariat, ein anderes Bewusstsein schaffen – und vielleicht neue Provisionsmodelle, die mit den Veranstaltern und Opernhäusern erarbeitet werden. „Die Veranstalter sind zurzeit alle in Wartestellung“, sagt Lothar Schacke. Vor allem Orchester im Ausland seien zögerlich mit ihrer Planung, zum Teil bekomme er bei Anfragen überhaupt keine Antwort. Besonders in den USA sei die Lage fatal. Dort denken manche Orchester daran, bis Weihnachten nur noch Online-Konzerte zu geben oder für dieses Jahr ihren Betrieb ganz einzustellen. Schacke betont, dass man als Agentur nicht nur Anwalt der Künstler sei. „Wir sind auch Vermittler für Veranstalter, erarbeiten auf deren Wunsch Besetzungsvorschläge und wirken daher nicht nur in eine Richtung.“ Soll heißen: Eben deshalb könnten die Agenturen nicht einfach hängen gelassen werden.

Auch beim Künstlersekretariat am Gasteig kämpft man derzeit also für Ausfallhonorare und für die Aufgabe der längst unplausibel gewordenen Generalentschuldigung der „höheren Gewalt“ bei Absagen. „Die langsam anlaufenden Opernentscheidungen müssen auch Signalwirkung haben für die öffentlich finanzierten Orchester“, sagt Verena Vetter. „Außerdem sollten wir aufhören, rein juristisch zu argumentieren, sondern müssen appellieren und an die Situation der Künstler erinnern – die schließlich alle nach der Pandemie wieder von den Veranstaltern gebraucht werden.“

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