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Valery Gergiev

Auftritt in Westeuropa nach der Krim-Krise

Des Künstlers „strange statements“

München - Valery Gergiev, der umstrittene künftige Chef der Münchner Philharmoniker, zu Gast in London – Ein Stimmungsbericht.

Sekt? Trinkt kaum einer. Wein auch nicht. Den Renner gibt’s in kleinen Bechern mit Plastiklöffeln. Barbara O’Conner und Mann Alvin, seit vielen Jahren treue Besucher des London Symphony Orchestra, löffeln wie viele im Foyer ihr Eis. „Well“ – dann kommt eine Pause. Natürlich sei das nicht schön, was über den Chefdirigenten zu lesen sei. Und, ja: Man verstehe die Aufregung um Valery Gergiev. Erst die „strange statements“, die merkwürdigen Äußerungen zu Putins Schwulen-Gesetzgebung, dann die Unterstützung seiner Krim-Politik. Aber nun gut, noch eine Pause. „Er ist doch Künstler.“

Eine Generalentschuldigung, so scheint es, nicht nur in den Augen der O’Conners. Vergangenen Herbst war die Stimmung noch aufgeheizt, hier im Londoner Barbican Centre, einem Siebzigerjahre-Komplex im Nordosten der Stadtmitte. Anfang November eine Demonstration vor Gergievs Konzert draußen, zuvor, Ende Oktober, der GAU für die Saalordner. Ein Mann entert die Bühne und klagt den Star an. Gemessen daran sind die Verantwortlichen dieses Mal cool bis optimistisch. Keine Sicherheitsmänner im Saal wie kürzlich in München, keine kontrollierenden Blicke beim Einlass. Gergiev bleibt unbehelligt, bekommt am Ende gar heftigen, wiewohl kurzen Applaus.

Es ist dies der Auftakt seines Skrjabin-Zyklus. Erste und vierte Symphonie, Werke, die eigentlich nur aufgeführt werden, wenn russische Dirigenten Lust darauf haben. Dazwischen das zweite Klavierkonzert von Liszt. Denis Matsuev ist der Tastendonnerer. Kann man lauter spielen als ein Orchestertutti im Forte? O ja. Im Diskant klingt es wie Hochton-Einschläge, der Steinway muss nach den Prankenhieben wohl zum Kundendienst. Jubel, keine Zugabe. Matsuev ist ein ähnlicher Postensammler wie Gergiev und sitzt in Putins beratendem Kulturgremium. Auch er hat den Krim-Brief unterschrieben.

Gut möglich, dass die Londoner mit Valery Gergiev abgeschlossen haben. 2015 verlässt er das Amt des „Principal Conductor“ und wechselt zu den Münchner Philharmonikern. Doch Gergiev ist de facto in England nicht mehr als ein „Principal Guest“. Häufiger ist Daniel Harding mit den dortigen Symphonikern aktiv, hat sie auch auf der Fernost-Tournee begleitet. Gergiev tritt selten an der Themse auf. Wenn, dann gibt es etwas Liszt und Messiaen, derzeit vor allem Skrjabin und – wie im Mai auf dem Trafalgar Square – Prokofjew. Die nächste Saison hat das London Symphony Orchestra extra als „russische“ ausgerufen. Britische Ironie? Was der Chef plant: Schostakowitsch, Tschaikowsky – und Prokofjew.

„Immerhin hören wir nun Werke, die sonst keiner dirigiert.“ Matthew, 26, Student in Jeans und Polo-Shirt, sieht die Sache pragmatisch. Gergiev ist ihm trotzdem nicht geheuer. „Warum hat er den Brief unterschrieben? Was haben ihm Schwule getan? Hat er in der Oper nicht ständig mit denen zu tun?“ Ja, Colin Davis, das sei noch ein Star an der Spitze des Ensembles gewesen, mit dem man sich identifizieren konnte. Und dann hebt am Eisstand doch eine Debatte an. Ein komischer Typ sei dieser Russe, sagt einer. Ach, lasst ihn, meint ein anderer. Ein Dritter wird drastisch. Zitierfähig ist das nicht, eher in geschönter Übersetzung à la „Der böse Mann sollte endlich still sein“. Von Orchesterseite gibt es kein Statement. Kathryn McDowell, die Managerin, hat ausrichten lassen, sie werde nichts zu Gergievs Putin-Verhältnis sagen.

Was der Londoner Abend zeigt: Es könnte sein, dass der Zorn über Gergiev verraucht. Die Haltung von Publikum und offiziellen Empörungsträgern deckt sich ja nicht immer. Auch die Stimmung Putin gegenüber scheint sich zu verändern: Er hat seine Krim bekommen, jetzt lasst’s mal gut sein. Wie die Reaktionen Gergiev gegenüber künftig ausfallen, das hängt auch von der weltpolitischen Lage ab. Spielt sein Mentor Putin weiterhin Napoleon, kann es für Gergiev wieder eng werden.

Von vielen Kartenrückgaben vor diesem Londoner Konzert wurde berichtet. Dann haben wohl andere die frei gewordenen Tickets gekauft. Am Abend ist der Saal jedenfalls fast voll, bemerkenswert bei diesem Programm. Absetzbewegungen gibt es im zweiten Teil, nach dem Liszt-Klavierkonzert. Noch eine Skrjabin-Symphonie? Es reicht, finden die Flüchtenden. Dabei ist Gergiev bei der Vierten, dem „Poème de l’Extase“, viel aktiver und mehr beim Orchester. Dieses Stück sitzt, die Erste vor der Pause weniger. Geschätzte 85 Prozent der 50 Minuten blickt Gergiev da in die Partitur, vieles klingt verwaschen. Eine Instant-Einstudierung, auch das ist typisch Gergiev – und tut Orchester und Publikum mittel- bis langfristig letztlich mehr weh als manch unüberlegte Äußerung. „Slava isskustvo vo veki slava“ sind die Schlussworte des Chores. „Ewiger Ruhm der Kunst!“ Klingt nach dem Nachkriegs-Bayreuth. „Hier gilt’s der Kunst“, im Klartext: „Bitte keine Politik mehr.“

Markus Thiel

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