Kugelblitz Poesie

- Mitteleuropäische Dimensionen, Erfahrungswerte mit dem gemäßigten Klima unserer literarischen Breiten sind hier fehl am Platz: So wie man es in den Tropen mit wenig handlichen Insekten oder Bäumen, dafür mit einer schwindelerregenden Vielfalt allen möglichen Getiers, Geschlinges und Gewuchers zu tun hat, genauso ergeht es dem wackeren Leser der Memoiren des Kolumbianers Gabriel Garcí´a Má´rquez.

<P>Was der 74-Jährige bei fühlbar werdender feuchter Hitze und unter Beschwörung einer manchmal sehr urbanen und häufig unbequemen Exotik auf 600 Seiten ausbreitet, "Leben, um davon zu erzählen", das ist bei weitem nicht sein ganzes Leben. Ungefähr gerade einmal die Hälfte davon. Sie reicht vom ersten ästhetischen Empfinden in der Wiege - Schriftsteller, und besonders Fantasten wie der magische Realist García Márquez , sind privilegiert, sich auch daran zu erinnern - bis kurz vor den ersten Europa-Aufenthalt in Paris. </P><P>Da hatte García Márquez gerade mal einen Roman veröffentlicht, einen weiteren um die Ohren geschlagen bekommen und mehrere selbst verworfen. Allerdings wurde er bereits als Schriftsteller gefeiert, als Genie apostrophiert - das allerdings noch ein bisschen ironisch von seiten der wohlwollenden Weg- und Nachtleben-Gefährten - und zum Journalisten gerade ausgebildet.</P><P>Ganz schön viel Bescheidenheit und Aufrichtigkeit trägt García Márquez zur Schau, denn an der Darstellung all seiner Zweifel, Niederlagen, Schwächen und vor allem seiner Schüchternheit spart er nicht. Trotz schwankender Zensuren, mathematischer Unfähigkeit, notorischer Faulheit und der frühzeitigen Ablenkung durch den Eros von Büchern und Frauen geht er aus allen Stürmen als Bester, Geachtetster, Wichtigster hervor. Manchmal wird er eben das Opfer von Wundern, und dafür will er nichts können: dass der bewunderte Vielleser, den er auf der Schiffsreise zur Schulbewerbung kennen lernt, ausgerechnet der Stipendien-Beauftragte ist. Dass die Lehrer dem besten Abiturienten seine mangelhafte Algebra verzeihen. Ja, dass er einfach an sich glauben muss. Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis. Und gerade darum strotzt seine nicht unsympathische Ironie eben doch vor Selbstgefälligkeit.</P><P>Aber zurück zur Wiege des kleinen "Gabito": Wer die Notdurft nicht in den nagelneuen Strampelanzug verrichten will, nur um diesen zu schonen, der wird Schriftsteller, denn er hat ästhetisches Empfinden. Würde García Márquez nicht so fabulieren, er wäre nicht ein Kind dieser kuriosen, riesigen Familie oder hätte immun sein müssen gegen ihre "kreative Energie". Als Kind eines autodidaktischen, gerne umherziehenden Apothekers wuchs García Márquez in der Bananenplantagen-Siedlung Aracataca auf, bei Großmutter, Großvater und deren zahllosen Geschwistern und häufigen Gästen. Eine mündliche Erzähltradition inklusive Veränderungs- oder Ausschmückungstaktiken bildete sich da zwangsläufig heraus und wurde auch dann noch gepflegt, als García Márquez Eltern selbst eine große Familie mit elf gemeinsamen und vier außerehelichen Kindern hatten. </P><P>Der Autor betont, wie ihn die ungezwungene und bei aller Armut optimistische Atmosphäre dieses Hauses bei seinen ersten Schreibversuchen beflügelte. Genauso wie das allgemeine Interesse an der Literatur, das im Kolumbien der beginnenden 1940er-Jahre durch alle Poren des Alltagslebens drang: "Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr die Poesie damals das Leben bestimmte. Sie war eine heftige Leidenschaft, eine andere Art zu leben, ein Kugelblitz, der überall auftauchen konnte. Wir öffneten die Zeitung, und dort, sogar im Wirtschaftsteil oder in den Gerichtsberichten, oder wenn wir im Kaffeesatz lasen, erwartete uns die Poesie, um sich unserer Träume zu bemächtigen." García Márquez lebt in diesen Zeiten politischer Unruhe und beginnenden Bürgerkrieges, der Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen liberalen Gruppierungen und den Konservativen, zunächst in der Hauptstadt Bogotá´ und vernachlässigt sein Jura-Studium. </P><P>Es ist neben der äußeren auch die innere Unruhe, die den schlafwandlerisch und manchmal fast unreflektiert seinen Weg gehenden jungen García Márquez die Orte häufig wechseln lässt: Er lebt immer mal wieder in Cartagena, Barranquilla und Bogotá´ und schreibt Kolumnen, Glossen oder Erzählungen. Lernt Journalisten, Literaten, Politiker kennen. Und knüpft allmählich ein Netz, das ihn auffängt, wenn Geld- oder Erfolgsmangel ihm Existenzängste verursachen müssten. Schade nur, dass bei all den liebevollen Erinnerungen noch an die kleinsten Einzelheiten das große Ganze zu kurz kommt, die Abfolge politischer Ereignisse dabei undurchschaubar wird und die Episoden trotz ihrer Fülle auf einmal zu wenig erzählen. So wird der Leser bestenfalls von der Flut der Geschehnisse mitgerissen und spürt dann, wie es im fiebrigen Kopf des jungen Garcí´a Má´rquez zuging: wild, wuchernd, nicht gerade zielstrebig, aber doch in die richtige Richtung wankend.</P><P><BR> </P>

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