Mit Kuhglocken träumen

München - Mit Unsuk Chins erster Oper "Alice in Wonderland" werden morgen die Münchner Opernfestspiele im Nationaltheater eröffnet. Die 1961 in Seoul geborene Komponistin war Schülerin von György Ligeti und lebt seit 1988 in Berlin.

Wie kam der Kontakt zur Bayerischen Staatsoper zustande?

Ich habe Kent Nagano 1999 kennengelernt, als er beim London Philharmonic Orchestra eine Auftragskomposition von mir dirigierte. Als er Chef beim DSO in Berlin war, berief er mich als Composer in Residence. Als Leiter der Oper in Los Angeles übertrug Nagano mir den Auftrag zu "Alice". Leider scheiterte dort die Realisierung, und so nahm er die "Alice" mit nach München.

Wer hatte die Idee zu diesem Stoff?

Ich. In dieser einfachen Geschichte von Lewis Carroll kann, wer tiefer geht, viel entdecken. Kinder betrachten sie auf ihre Weise, Erwachsene fühlen sich angesprochen, sogar Physiker oder Mathematiker kommen auf ihre Kosten. Die Geschichte wandelt sich je nach dem, wer sie liest.

Was haben Sie in dieser Geschichte gefunden?

Texte, die man wunderbar in Töne setzen kann. Ich hörte Geräusche, Gesamtklänge…

Das Werk wird auf Englisch gesungen. Erschwert das nicht das Verständnis, zumal viel Wortwitz im Stück steckt?

Ein Musikstück muss nicht beim ersten Mal alles preisgeben. Man sollte es mehrmals hören und sehen. Natürlich ist allein schon der Text komplex. Er birgt Sprachspiele und Doppeldeutigkeiten, die sich auch im Englischen nicht unbedingt spontan erschließen. In München gibt es natürlich deutsche Übertitel.

Welches Instrumentarium setzen Sie ein?

Ein normales Orchester mit dreifacher Bläserbesetzung und viel, viel Schlagzeug. Darunter Kuhglocken und mit Wasser gefüllte und gestimmte Flaschen. Dazu kommen Cembalo, Celesta, Klavier, Akkordeon, Mandoline und Mundharmonika. Wir haben Platzprobleme im Graben, deshalb wurden zwei der sieben Schlagzeuger in die Proszeniums-Logen ausquartiert.

Können Sie Ihre "Alice"-Musik beschreiben?

Sie ist auch für mich sehr speziell. So etwas habe ich noch nie geschrieben. Ich benutze alle möglichen Materialien, halte mich an keine stilistische Richtung. Ich verwende - natürlich ironisch - zum Beispiel einen C-Dur-Dreiklang, wenn Alice ihr Wiegenlied für das hässliche Baby singt und dieses sich in ein schönes Schwein verwandelt. Dann folgt auf das C-Dur ein Streicherklang, der wie quiekende Schweine klingt.

"Alice" spielt nicht in einer realen Welt, wie fangen Sie das Surreale ein?

Alles passiert im Traum. Ich versuchte, jedem Geschehen eine eigene Klangfarbe beizumischen, jeden Charakter so zu definieren.

Sie stammen aus Süd-korea. Hört man das Ihren Werken an?

Die Musik meiner Kindheit war westlich. Gleichwohl interessiere ich mich für außereuropäische Musik, speziell für indonesische Gamelanmusik. Asiatische Instrumente produzieren jedoch ganz andere Klänge als westliche. Ich sehe keine Notwendigkeit zu einer politisch korrekten Mischung. Wahrscheinlich hätte ich viel mehr Erfolg, wenn ich Asiatisches und Westliches mischte. Vor allem in Deutschland. Im Ausland bin ich die Komponistin, hier jedoch die Asiatin.

Trotzdem leben Sie seit fast zwanzig Jahren in Berlin.

Ich mag die Stadt mit ihrem großen kulturellen Angebot, freue mich, dass ich dort frei, ungestört und unerkannt und dazu noch relativ preiswert leben und arbeiten kann. Das wäre in keiner anderen Großstadt der Welt in dieser Qualität möglich.

Stört es Sie denn nicht, dass sie hierzulande nicht so bekannt sind?

Nein. Ich habe auch keinen Kontakt zur Neuen-Musik-Szene in Deutschland, etwa zu Donaueschingen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Jetzt, wo man mich hier langsam wahrnimmt und anfragt, bin ich meist schon im Ausland "ausgebucht".

Sie haben mit dem Amerikaner David Henry Hwang das Libretto für ihre Oper verfasst. Bewegt es sich eng am Original?

Wir sind möglichst nah daran geblieben. Nur Anfang und Ende sind anders. Es gibt keine viktorianische Realität. Das Geschehen spielt sich im Traum ab. Wir hatten eine traumhafte Zusammenarbeit.

Und wie gestaltet sich die mit Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer?

Wir sind beide Künstler und haben unsere eigenen Vorstellungen. Es war für mich eine schwierige und merkwürdige Erfahrung zu erleben, dass meine Musik von jemand anderem visualisiert wird. Aber meine optischen Fantasien waren eher unrealisierbar. Herr Freyer ist sehr nett und auch zu Kompromissen bereit. Die Kommunikation klappt ausgezeichnet, was, wie ich von Kollegen höre, nicht zwingend der Fall sein muss.

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