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Botho Strauß, einer der größten Dramatiker Deutschlands, spielt mit seiner Prosa. 

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Kultautor Botho Strauß‘ neues Buch  

In „Oniritti Höhlenbilder“ entfaltet Botho Strauß eine kunstvoll zusammengestellte Kollektion von Prosastücken. Ein Band für Leser, die das Denk-Abenteuer nicht scheuen.

„Er, der die Stimme nicht mehr erhob, da für ihn nichts mehr auf den Punkt zu bringen war, alle Welt aber stets das Auf-den-Punkt-Gebrachte erwartete…“ Das ist Botho Strauß, wie er sich selbst sieht. „Sprache von Geblüt, von Herz und Hirn war längst in Myriaden von Punkten zerstreut. Merke also: Was nach allgemeinem Urteil für auf den Punkt gebracht gilt, ist in aller Regel bereits ein verwesender Punkt mit einem lächerlichen Schimmelhütchen obenauf.“

Wer von den Gegenwartsgläubigen und den Aktualisierern unter den in Wahrheit längst Verschimmelten wollte wohl diesen Dramatiker noch spielen? Wer ihn szenisch herausfordern? Wer sich seiner Fortschrittsskepsis aussetzen? Die Stadt- und Staatstheater erweisen sich längst als viel zu bequem oder ängstlich gegenüber einem solchen Unangepassten und Querdenker. Wer schon würde sich freiwillig in die mythengesättigte, mitunter auch satirisch-ironische, aber stets dialektische Denkhöhle dieses Dichters hineinwagen?

Die Aussichten scheinen nicht gut für Botho Strauß. Sein Blick auf Literatur und Theater, also auf die Welt, ist kritisch rückwärtsgewandt: „Ach, keine gegenwärtige Menschen gibt es, sie stecken ja nur im löchrigen verstaubten Kostüm einer nach altem Brauch aufgeführten Gegenwärtigkeit.“ So klagt er.

„Oniritti Höhlenbilder“ heißt das neue Buch des 72-Jährigen, der sein Hirn hier schon mal als eine „Tropfsteinhöhle außer Dienst“ bezeichnet. So ist dieser Text eine kunstvoll zusammengetröpfelte Kollektion gedankensplittriger Prosastücke. Aphorismen, bühnentaugliche Dialoge, absurde Genreszenen, Sentimentales wie die Gedanken der Wehmut eines Vaters über den groß gewordenen, verlorenen Sohn, Reminiszenzen an die Antike, Parallelen zu Dantes „Göttlicher Komödie“.

In ihrer Zusammensetzung ergeben sie Traumbilder ohne Vernunft, Eindrücke von einer Wanderung durch die von der banalen Realität zugeschütteten Höhlen unserer Zeit. Hölle oder Paradies, Unterwelt oder Jenseits, Bibel oder Rilke, Eros oder schwarzer Adler, demokratische Gier einstiger 68er oder weitsichtige Alte von heute – das Strauß’sche Inferno lauert überall. Gesucht wird als Schutzraum vor der Gegenwart eine „datenfreie Herberge, transparenzabweisend. Asyl bietend vor der Menschheitsseuche Kommunikation, Exhibition, Information.“

So viel Kluges und Poetisches, Kulturgesättigtes und Rätselvolles begegnet uns auf dieser „qualvollen Schnupper-Tour durch die Unterwelt“. Absurde kleine Geschichten wie die eines jungen Mannes, dessen Tischgeselle das mit Kutte und Kapuze versehene Gerippe seines älteren Bruders ist, den er aus dem Grabe raubte, um ihm für immer stummer Ansprechpartner zu sein.

Oder die Szene jener Theateraufführung, in der von der himmlischen Inspizientin die Granden der Schauspielkunst wie „Herr Helmuth Lohner, Herr Balser, Herr Held, Frau Wimmer, Herr Quadflieg“ aus dem Hades, Totenreich oder Jenseits heraus zu ihrem Auftritt gebeten werden. Nur eine ist nicht zur Stelle, Joana Maria Gorvin. Und es folgt der Beckett-artige Dialog zwischen Ewald Balser und Attila Hörbiger: „Alles vorbei? – Alles vorbei. – Ich muss sagen, bei Licht besehen, niemand mehr. Niemand. – Es gibt nur noch Sie und mich – Lassen Sie sich Zeit. – Da kann man nichts machen. – Dann machen Sie nichts. – Na, irgendetwas ergibt sich bestimmt von selbst. – Es wird sich schon was ergeben. – Es hat sich jedenfalls immer etwas ergeben.“

Abermals zieht das Buch seine Leser hinein in die Welt des Dichters, in seine pessimistischen Visionen, in seinen lakonischen Galgenhumor. Befremdlich aber bleibt mitunter seine Begriffswahl, als weise er sich, wenn er etwa vom „stolzen Mannesleben“ spricht, eitel und kokett ganz bewusst als ein Mann alter Art und Mode aus. Sein Bedauern über verloren gegangene Riten in der erotischen Werbung um eine Frau passen genau dazu.

So setzt Strauß Banales neben Tiefsinniges, Ernstes neben Albernes, aber wie stets bildungsstrotzend, was oft als unpassend und zu langatmig gerät. Man wird auch die Vermutung nicht los, bei den Textsplittern handele es sich vereinzelt um geplündertes Zettelkasten-Inventar unter dem Motto „Alles muss raus“. Denn manche Sentenz erinnert den Strauß-Kenner doch sehr an das eine oder andere Theaterstück. „Je sprechender die Stühle, um so menschlicher darauf die Menschen“, lautet der erste Satz des Buchs. Er könnte Anspielung und Versprechen sein. Denn sofort kommt dem, der es vor vielen Jahren gesehen hat, Jürgen Roses Bühnenbild zu „Groß und klein“ in den Sinn, in dem in einem Heer von leeren Stühlen klein und allein Cornelia Froboess als Lottekotte Platz genommen hatte.

„Oniritti Höhlenbilder“, diese philosophisch überfrachteten Episteln, wird nicht Strauß’ letzte Veröffentlichung bleiben. Zeit wär’s wieder fürs ureigene Metier, die Bühne. „Wir Dichter erneuern nur den Seelenhauch. Wir sind ein kleiner Zuliefererbetrieb der pneumatologischen Industrie. Wir tauschen hie und da ein bisschen vom verbrauchten Odem aus.“ Frischer Atem ist gefordert, denn: „Ich höre Politiker, denen ,Patriotismus‘ einfällt als letzter Wahlkampfschrei: in Ketten gehören sie, sofort!“

Sabine Dultz

Botho Strauß:

„Oniritti Höhlenbilder“. Hanser, 276 Seiten; 22 Euro.

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