Kultfigur auf dem Thron

- "Erfinden ist meine Stärke nicht!", notiert sie am 27. September 1963. Und im gleichen Monat 1974: "Das Grundmotiv meines Schreibens, mit mir selbst ins Reine zu kommen, setzt sich rigoros durch, ich kann und darf es nicht ignorieren." Heute, 2003, bekennt sie: "Gegen diesen unaufhaltsamen Verlust von Dasein wollte ich anschreiben."

<P>Die Rede ist von Christa Wolf. An diesem Montag erscheint ihr außergewöhnliches Buch: "Ein Tag im Jahr". Es ist das Persönlichste, weil Privateste, was es von dieser Schriftstellerin bislang zu lesen gibt. Denn die Begegnung mit ihr erfolgt hier pur. Zwischen Leser und Autorin fehlt die Folie der Kunst, des hohen Anspruchs der Literatur. Und dennoch ist dieses lebenskomplexe Werk ein von der ersten bis zur letzten Seite ungemein interessantes Dokument.<BR><BR>"So frißt das Schreiben das Leben auf." Christa Wolf</P><P>Worum handelt es sich bei "Ein Tag im Jahr"? 1960 rief die Moskauer Zeitung "Iswestija" - sich auf Maxim Gorki und sein Unternehmen "Ein Tag der Welt" berufend - die Schriftsteller aller Länder auf, einen Tag dieses Jahres 1960 und zwar den 27. September so genau wie möglich zu beschreiben. Christa Wolf tat dies - und hörte auch in der Folgezeit nicht damit auf. Seit 43 Jahren also setzt sie sich jeden 27. September hin - vereinzelt verschiebt sich schon mal das Datum - und berichtet vom Tage, später zunehmend auch von den vorausgegangenen Monaten. 40 dieser Jahre, 1960-2000, hat sie jetzt ihrer Leserschaft übergeben.<BR>Warum sie, die sonst so öffentlichkeitsscheue Frau, die Interviews, große Auftritte, Fototermine und Ähnliches fürchtet und verabscheut, dies tat? Ihre Antwort: "Ich denke, sie sind ein Zeitzeugnis . . . Unsere jüngste Geschichte scheint mir Gefahr zu laufen, schon jetzt auf leicht handhabbare Formeln reduziert und festgelegt zu werden."<BR>Es sind mindestens drei Komponenten, die "Ein Tag im Jahr" so lesenswert machen. Einmal der politische Hintergrund - mit Ulbricht, Höpke, Honecker, mit Druckgenehmigungen und Zensur, Mauerbau und Mauerfall, Prager Frühling, Biermann, Krug, Parteitagen, mit Schriftstellerverbands-Sitzungen, Stasi, deutscher Einheit, Bertelsmann usw.<BR>Zum anderen ist es das Privatleben der Christa Wolf, ihr häuslicher Alltag mit Kindergeburtstag, der jeweils am 28. September gefeiert wird, mit Kochen, Backen und Geselligkeit, mit Töchtern, Enkeln, Schwiegersöhnen und den ganz persönlichen Figur- und Diätproblemen. Dazwischen immer wieder die Konfrontation mit den Selbstzweifeln der Christa Wolf, mit ihrer Unfähigkeit, die Dinge etwas leichter zu nehmen, mit ihrem Außenseitertum, das sie nie schützt vor staatlicher Vereinnahmung.<BR>Man begegnet bei der Lektüre aber auch der großen Seele dieser klugen und zugleich erfrischend naiven Frau, ihrem reichen, nie nach außen getragenen Gefühl, ihrer Liebe. Der Liebe zu "ihrer" Landschaft Mecklenburg, wo die Wolfs zunächst in Meteln, dann in Woserin einen Sommersitz haben. Und der Liebe zu Gerhard Wolf, ihrem kritischen, humorvollen, Mut machenden Mann, der sie in depressiver Phase schon mal aufmuntert. Christa Wolf hält 1988 fest: "Wir müßten, sagt er, mal anfangen, über mein nächstes Buch zu reden, eigentlich sei ich doch jetzt in einer sehr guten Lage." - Als Leser nimmt man teil an diesem Leben, wächst hinein, fühlt sich zunehmend dazugehörig, altert und verändert sich quasi mit, besinnt sich selbst auf Vergangenes, vergleicht, reflektiert, bezieht Stellung. Dass dieses Buch dies alles herausfordert, spricht für seine enorme Qualität und belegt, dass sich hier eine Persönlichkeit allerhöchsten literarischen Ranges offenbart. Zu einem Stückchen Literatur - und das ist der dritte Grund, dieses Buch zu lesen - geraten der Wolf ganz absichtslos denn auch all ihre Beschreibungen - von Landschaft und Menschen und an sich unspektakulären Begegnungen. Von hinreißender Komik und seltener Leichtigkeit, was sie beim Kuraufenthalt oder im Bulgarienurlaub 1970 bemerkt: "Lauter alleinstehende Frauen, viel gestaute Triebe."<BR>Dennoch bleibt Schwermut die seelische Grundierung Wolfs. Sie spricht es nicht aus, es teilt sich trotzdem mit: die jahrzehntelange, politische Abhängigkeit der DDR-Autoren von ihrem erbärmlichen Staat. Die unwürdige Gängelei, wenn sie sich, wie Christa Wolf es einmal notiert, einen geringen Teil, 500 Mark, ihres damaligen Westhonorars vom Ost-Schriftstellerverband als Intershop-Schecks auszahlen lassen muss.<BR>Die neue Ordnung aber macht es der gefeierten Autorin nicht viel leichter. Ihr Grundwiderspruch mit, ihr Leiden an der Gesellschaft ist permanent. "Kultfiguren", sagte ihr Max Frisch, "kann man nur entweder anbeten oder stürzen. Du wirst jetzt gestürzt." Das war 1990. Nicht erst mit diesem fesselnden Zeitpanorama hat sie sich den Thron zurückerobert.</P><P>Christa Wolf: "Ein Tag im Jahr; 1960-2000". Luchterhand Literaturverlag, München, 656 Seiten; 25 Euro.</P>

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